Samstag, 18. April 2015

{Ein paar Gedanken zu..} Schadstoffe in Babyartikeln


Ich persönlich habe mir bislang relativ wenig Gedanken um Schadstofffreiheit gemacht- während meines Studiums habe ich jahrelang in Chemielabors gestanden und weiß, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Vieles halte ich schlicht und ergreifend für Panikmache, denn es stehen ständig irgendwelche Stoffe im Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein- ohne dass das bewiesen wurde oder je bewiesen wird. Um diese potentiell gefährlichen Stoffe zu vermeiden, müssten wir unter einer Glasglocke (bitte reines Glas ohne Zusätze!) leben, dürften nicht mehr vor die Türe gehen und nichts essen.
Trotzdem werde ich kritisch, wenn
es um Babyartikel geht, hier reicht dann schon ein "eventuell schädlich" um die Alarmglocken schrillen zu lassen- schließlich möchte ich die Yetin soweit wie möglich schützen und keiner auch nur potentiellen Gefahr aussetzen. Also bin ich dazu übergegangen, mich vor Kauf bestimmter Produkte zu informieren. Zu diesen zählen alle Sachen, die enge(re)n Kontakt mit dem Baby haben- z.B. Kleidung und Schlafsäcke, Kinderwagenaufsatz, Wickelunterlage, Badewanne etc.

Bei der Kleidung gestaltet sich das ganze noch relativ einfach: hier achte ich lediglich auf ein Prüfsiegel, am besten nach Ökotex Standard 100. Viele Kleidungsstücke sind diesbezüglich geprüft und an (Baum)Wolle gibt es auch nichts gefährliches. Lediglich durchs Einfärben mit bestimmten chemischen Farbstoffen könnte eine gewisse Schadstoffbelastung bestehen, doch kann man beim Tragen des Ökotex-Siegels davon ausgehen, dass diese Produkte davon frei sind. Zudem würde sich durch das Waschen eine evtl. Belastung drastisch reduzieren.

Weiter ging es dann mit der Suche nach einem Schlafsack. Da mir der empfohlene Alvi-Sack zu dick war (wir kriegen unser Schlafzimmer im Sommer nicht unter 22°!), war ich auf der Suche nach einer Alternative und habe bei amazon einen von Kunden sehr gut bewerteten - dünneren- Schlafsack, zertifiziert nach Ökotex Standard 100 gefunden.
Als dieser ankam, roch er bestialisch nach Chemie- und sah auch nicht besonders hochwertig aus. Auf dem Prüfsiegel war vermerkt, dass die Zertifizierung vom BTTG Manchester vergeben wurde- ich bezog mich auf die Zertifikatnummer und schrieb eine Email dorthin um zu erfahren, ob der Ökotex Standard in Deutschland und in den UK der gleiche sei.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: mir wurde mitgeteilt, dass die Zertifizierung für dieses Produkt bereits 2005 abgelaufen sei.
WTF??? Es wird noch nach 10 Jahren mit einem ungültigen Siegel vertrieben??? So etwas nenne ich schlicht und ergreifend Verbrauchertäuschung!
Ich habe weitere Daten nach England geschickt und mir wurde zugesichert, dass sie dieser Sache weiter auf den Grund gehen und vor Ort beim Produktionsleiter in Pakistan (aha, dies wurde vorher auch nirgendwo angegeben) nachgeforscht wird. Dem Händler habe ich auch damit konfrontiert, doch bislang keine Antwort erhalten. Der Schlafsack ging zurück und ich warte die weitere Reaktion des BTTG Manchester ab.


Wesentlich schwieriger gestalteten sich nun die ganzen Produkte, in denen Kunststoff enthalten ist- z.B. Wickelauflagen oder Badewannen. Hier gibt es prinzipiell 2 verschiedene Arten: Thermoplaste -"Hartplastik" wie z.B. Legosteine- gelten meist als gesundheitlich unbedenklich und werden oft als Polypropylen oder Polyethylen hergestellt. Für "Weichplastiken" (in diesem Fall Wickelauflagen) braucht man- um die Flexibilität zu wahren- notgedrungen Weichmacher.
Eine Gruppe derer- die Phthalate- sind besonders in die Kritik geraten und viele davon auch gesetzlich verboten.

Trotzdem kam es bei einer Analyse von Ökotest zu einem vernichtendem Ergebnis: Wickelauflagen im Test.
Alle gestesteten Produkte sind stark schadstoffbelastet und somit durchgefallen, lediglich 2 Wickelunterlagen, die ausschließlich aus Baumwolle bestehen (also nicht wasserabweisend, sondern lediglich aufsaugend sind), haben den Test bestanden.

Hmm, seltsamerweise waren unter den als ungenügend getesteten Auflagen aber auch welche dabei, die nach Ökotex Standard 100 zertifiziert sind, z.B. eine von Julius Zöllner. Da sich dies in meinen Augen widerspricht, habe ich also auch hier direkten Kontakt mit dem Hersteller aufgenommen. Das Ergebnis war recht mau. Ich erhielt als Aussage, dass sie leider keinerlei Einfluß auf die Auswahl- und Prüfkriterien des Ökotests haben und dass ihre Wickelauflagen gemäß Ökotex geprüft und definitv nicht schädlich sind. Eine Kopie des Zertifikates lag bei. So, und jetzt?

Ich sage mal so: ein ehemaliger Mitarbeiter von Ökotest hat einmal -vorsichtig formuliert- anklingen lassen, dass die Ergebnisse teilweise schon vor der Prüfung feststehen. Bzw. die Prüfkriterien so gewählt werden, dass bestimmte Ergebnisse herauskommen müssen.
In eigenen Worten: natürlich lassen sich in jedem Produkt irgendwelche Chemikalien nachweisen- doch diese müssen ja nicht zwangsläufig gesundheitsschädlich sein. Um am Beispiel der Phthalate zu bleiben: es gibt niedermolekulare, die nachgewiesenermaßen schädlich sein können und deshalb verboten sind- oder auch höhermolekulare, wo nichts dergleichen bekannt ist. Trotzdem heißt es in der Summe immer "Achtung vor Phthalaten!".

Im Endeffekt ist es also eine Gewissenfrage. Vertraue ich nun Ökotest und habe damit das Problem, dass ich oftmals eigentlich gar nichts mehr kaufen darf oder hinterfrage ich auch diesen Test etwas kritischer und verlasse mich z.B. auf das Ökotex-Siegel (hier übrigens die Grenzwerte der geprüften Chemikalien- ein durchaus umfangreicher Test, dessen Anforderungen über die gesetzlich bestehenden hinaus geht!)?
Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden.

Ein ähnliches Beispiel gab es übrigens kürzlich bei dem Kinderwagen von Joolz, der im Januar bei der Stiftung Warentest durchfiel, da er schädliche Stoffe in zu hohen Mengen enthielte. Der Kinderwagen war vorab schon zertifiziert durch Intertek und Joolz hat nach dem Warentest-Ergebnis noch einen weiteren Test bei einem unabhängigen Prüfinstitut, dem TÜV Rheinland-Pfalz beauftragt- wo wiederum keine Grenzwerte überschritten wurden.

Bei genauerem Durchlesen von Warentest stellt man fest, dass 74 der 76 getesteten Substanzen nicht nachweisbar waren, einer hingegen- Naphthalin, ein polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoff (PAK)- wäre laut Warentest in zu hoher Konzentration vorhanden gewesen. Dieser zählt allerdings nicht zu den potentiell krebserregenden PAK.

Bei weiterem Nachprüfen kam heraus, dass sich der Gehalt von Naphthalin nur sehr schwer bestimmen lässt, da es an der Luft flüchtig ist und verdampft. Das erklärt dann natürlich die komplett unterschiedlichen Ergebnisse. Daraufhin hat auch Warentest in einer Stellungnahme die Verkehrsfähigkeit des Kinderwagens erklärt, da er nun doch alle gängigen Normen erfüllt. (Näheres zu diesem Fall kann man hier nachlesen).

Es ist also recht schwierig, durch diesen Dschungel an vermeintlich gefährlichen Produkten seinen Weg zu finden. Wem soll man noch vertrauen, was ist wirklich schädlich? Selbst ich tue mir nach vielen Jahren Chemiestudium hiermit schwer- mein "Mittelweg" ist nun, dass ich auf die nach Ökotex 100 (o.ä.) zertifizierten Produkte vertraue, nachgewiesenermaßen schädliche Weichmacher (z.B. in Schnuller oder Fläschchen) meide und akzeptiere, dass es in ein paar Jahren bestimmt wieder andere Stoffe gibt, die bis dato als bedenkenlos eingestuft wurden, aber nun potentiell gefährlich sind. Irgendwo muss man auch die Kirche im Dorf lassen, man kann nicht alles umgehen und je mehr man sich damit auseinander setzt, umso tiefer werden die Abgründe.

Wie habt ihr das gehandhabt? Und wie steht ihr zu diesem Thema?

Kommentare:

  1. Ein sehr interessanter Artikel. Wir achten auch verstärkt auf schadstofffreiheit bei allen Babyprodukten.
    Wenn dann selbst bei den "Gütesiegeln" keine wirkliche Sicherheit gegeben ist, ist das natürlich schon erschreckend.
    Aber wie du auch schon sagst, die Messmethoden verbessern sich ständig und wir können auch nur vom jetzt ausgehen. In Zukunft werden sicher Stoffe als bedenklich eingestuft, die es bis jetzt noch nicht sind.
    Liebe Grüße, Lisa

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  2. Hallo, toller Artikel :-) Ich vergleiche auf unserem Blog Stillkissen. Was mir persönlich immer sehr wichtig ist, dass die Zertifikate bzw. Prüfsiegel vorhanden sind. Gerade bei einem so schwachen Immunsystem der Babys ist eine geringe Schadstoffbelastung sehr wichtig. Zwischenseitlich gibt es das TOXPROOF Zertifikat vom Tüv Rheinland. Ich finde, dieses Zertifikat vertrauenswürdiger als "Textiles Vertrauen"
    Liebe Grüße Bärbel

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