Dienstag, 14. April 2015

Wenn Mütter auf Ärzte treffen


Inspiriert zu diesem Beitrag wurde ich von Mama on the rocks. Sie schildert ein Klinik-Erlebnis mit ihrem Kind, welches leider kein Einzelfall ist (und das mittlerweile so große Resonanz gefunden hat, dass daraus kurzerhand eine Blogparade entstand) . Wie die vielen verlinkten Kommentare darunter beweisen, sind gerade in (Kinder-)Kliniken Verunsicherungen der Eltern durch die Ärzte, (vermeintlich?) unverschämte Aussagen derselbigen, extrem lange Wartezeiten (mit krankem, weinenden Kind!) und Fehl- bzw. Falschbehandlungen fast schon an der Tagesordnung.
Da ich doch etwas Einblick in dieses System habe und sowohl die Seite der Ärzte als auch der Patienten nachvollziehen kann, möchte ich hierzu ein bißchen was erzählen.
Die häufigsten Kritikpunkte, die mir in diesen ganzen Posts aufgefallen sind, waren folgende:
- Unnötige Untersuchungen
- Keine/zu wenige Untersuchungen
- Unverschämte Aussagen seitens der Ärzte, die den Eltern zudem ein schlechtes Gewissen machen wollen
- Dramatisieren der Diagnose und Fehldiagnosen
- Lange Wartezeiten, trotz krankem und schreiendem Kind

Ich persönlich habe seit Langem das Vertrauen in die meisten Ärzte verloren. Ich erlebte diverse Fehldiagnosenstellungen am eigenen Leib, ebenso wie richtiggehende Falschaussagen und mangelnde Bemühungen oder vorschnelles Abtun, sobald etwas nicht exakt dem Lehrbuch entspricht.
Und was ich leider viel zu oft durch die Patienten in der Apotheke mitbekomme, ist einfach nur dramatisch- Fehldiagnosen, selbst bei gängigen, an sich einfach zu diagnostizierenden Erkrankungen sind an der Tagesordnung, einfach, weil aus Zeitgründen nicht untersucht oder dem Patienten wohl nicht richtig zugehört wurde.
Ebenso wie nicht erkannte, teils schwerwiegende Krankheiten, die durch weiterführende Untersuchungen oder Überweisungen aber frühzeitig erkenn- und behandelbar geworden wären- und nicht erst, wenn es zu spät ist.
Von Medikamentenverordnungen, die sich absolut nicht miteinander vertragen oder in Dosierungen, die so massiv unterdosiert sind, dass sie überhaupt nicht wirken können, möchte ich gar nicht mehr reden.
Meine Erfahrung mit einem Horror-Klinikaufenthalt in meiner Schwangerschaft könnt ihr übrigens hier nachlesen, oder auch die Konfrontation mit der Höllen-Ärztin bei meiner Fehlgeburt.

Das alles klingt nun sehr negativ, dabei kenne ich auch viele wirklich gute Ärzte- aber die "schlechten" prägen sich einem einfach siginifikanter ein.
Wie in jedem anderen Berufszweig auch, gibt es hier ebenfalls gute und schlechte Mediziner. Tragisch nur, wenn der Patient der Leidtragende ist.
Aber ich habe auch Respekt vor Ärzten, denn auch sie sind nur ein kleines Rädchen in unserem Gesundheitssystem und können nicht so schalten und walten, wie sie es vielleicht gerne täten- versuchen aber ihr Bestes, um den Patienten zu helfen UND dabei die Vorschriften einzuhalten.
Es ist leider eine Tatsache, dass bei uns der ganze bürokratische Aufwand und die Kosten an erster Stelle vor dem Patienten stehen.  Das ist verwerflich und traurig, aber es ist die unschöne Realität. Auch dem Arzt sind da die Hände gebunden.
Deshalb möchte ich nun auf die o.g. Punkte etwas eingehen und den wütenden und enttäuschten Eltern, die schonmal so einen Klinikbesuch erlebt haben, einen kleinen Einblick hinter die Kulissen gewähren.

Lange Wartezeiten, trotz krankem und schreiendem Kind
Dies ist ganz klar ein Problem, welches unserem Gesundheitssystem geschuldet ist. Es gibt zu viele Patienten für zu wenig Ärzte. Solange kein akuter Notfall vorliegt (sprich der Patient liegt mehr oder weniger im Sterben), heißt es warten. Natürlich kann man beanstanden, dass ein kleines Kind doch Vorrang haben müsste- doch wie soll das praktisch aussehen? Gerade im Krankenhaus sind die anderen Patienten in der Notaufnahme in einer ähnlichen Situation, und so lange es nicht ums akute Überleben geht, geht es also auch hier nach der Reihe. Organisationstechnisch wäre das anders auch nicht möglich, denn ansonsten würde in kürzester Zeit ein heilloses Chaos herrschen (und genau das gibt es ja leider trotzdem oft!). Wer soll bestimmen, wer nun tatsächlich Vorrang hat? Und die wenigen Ärzte können sich auch nicht spalten. Das ist ärgerlich und traurig, aber die einzige Möglichkeit derartiges zu ändern, wäre mehr Ärzte einzustellen- und dafür fehlt das Geld.

Auch beim niedergelassenen Arzt sieht es oftmals nicht viel besser aus. Teils handelt es sich vielleicht wirklich um eine Fehlorganisation, doch versucht der Arzt, soviele Patienten wie möglich unterzubringen. Einerseits, weil er -gerade bei Akutfällen- niemanden abweisen darf, andererseits natürlich auch, um Geld zu verdienen (es ist tatsächlich so, dass viele Ärzte in der letzten Zeit des Quartals für lau arbeiten und gar nichts mehr verdienen- siehe auch nächster Punkt). Nimmt er sich für die Patienten mehr Zeit als die vorgeschriebenen 5 oder 7 Minuten oder kommt tatsächlich ein echter Notfall dazwischen, verschiebt sich natürlich alles nach hinten. Ich ärgere mich selbst immer darüber- doch irgendwo kann ich es auch verstehen. Würde es wieder mehr Geld und bessere Bedingungen für niedergelassene Ärzte geben, gäbe es auch wieder mehr Praxen, der einzelne Mediziner könnte sich wieder etwas mehr Zeit nehmen und dadurch würde sich diese ganze Situation entzerren.

 

Unnötige Untersuchungen oder eben keine/zu wenige Untersuchungen
Auch ein Arzt oder eine Klinik muss Geld verdienen, ebenso wie jeder Angestellte oder jedes andere Unternehmen auch. Nur von guten Taten alleine überlebt ein Arzt nunmal auch nicht und auch wenn dies jetzt viele für verwerflich halten: jeder -auch derjenige, der einen sozialen Beruf ergriffen hat, braucht Geld, einfach um Leben zu können. Der Spagat, den die Ärzte durch das einerseits ethische Gewissen und den andererseits engen finanziellen Mitteln auszuführen haben, ist sicherlich nicht einfach. 

Hier möchte ich auch gar nicht mehr in die Tiefe gehen; Fakt ist, dass ein Arzt für einen Patienten pro Quartal ein gewisses Budget zur Verfügung hat und wenn er dieses ausgeschöpft hat (z.B. durch Verordnung von Medikamenten oder teuren Untersuchungen) ist er regresspflichtig und müsste die Mehrkosten aus eigener Tasche zahlen. Und wer kann sich das schon leisten? Dies führt aber leider dazu, dass nötige Untersuchungen öfters mal unterlassen oder aufgeschoben werden, da einfach kein Geld mehr da ist ("Wenn es nicht besser wird, kommen Sie im nächsten Quartal wieder."). Oder andererseits, gerade wenn es sich um günstigere Untersuchungen handelt (z.B. Bestimmung einiger Blutparameter, Urinuntersuchungen), die mit der Krankenkasse abgerechnet werden können zu einem vermeintlichen Zuviel.

Ein anderer Aspekt für diese "vermehrten" Untersuchungen ist aber auch, dass ein Arzt- gerade im Bereich Kinder- auf Nummer sicher gehen und nichts übersehen will, auch aus haftungstechnischen Gründen und wegen seiner Sorgfaltspflicht. Auch ein Arzt ist kein Hellseher und oftmals ist ein längeres Prozedere tatsächlich notwendig. Aber es mutet für die Eltern natürlich seltsam an, wenn man wegen Problem x da ist und plötzlich 5 andere Dinge am quängelndem Kind durchgeführt werden, die augenscheinlich nichts mit der aktuellen Problematik zu tun haben.


Dramatisieren der Diagnose und Fehldiagnosen
Hier kann ich nur Vermutungen anstellen. Wenn ein Arzt aufgrund seiner Sorgfaltspflicht mehrere, evtl. potentiell nicht relevante Parameter untersucht, steht schnell mal irgendeine Verdachtsdiagnose im Raum. Es gibt viele medizinische Zusammenhänge, die für den Laien auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Warum der Arzt dies in dem Moment allerdings den ohnehin besorgten Eltern mitteilen muss, erschließt sich mir auch nicht.

Ein weiterer Verdacht meinerseits ist, dass es der Arzt in diesem Moment selbst nicht besser weiß. Gerade junge Assisetnzärzte sind zwar bis obenhin prall gefüllt mit theoretischem Wissen, doch die Praxiserfahrung fehlt (logischerweise!) einfach. Und in der Praxis ist selten etwas so wie im Lehrbuch, Praxis erlernt man nur durch das Praktische!
Auch hier gibt es dank unserem Gesundheitssystem ein gravierendes Problem: der Assistenzarzt hat zwar einen Ober- oder Chefarzt über ihm stehen, der bei Fragen oder Problemen zur Verfügung steht. Doch auch dieser muss sich um zig andere Patienten kümmern, es ist einfach nicht genug Zeit da, für einen vernünftigen Austausch und das allumfassende, praktische Erlernen. So kann es dann dazu kommen, dass 2 oder 3 Verdachtsdiagnosen im Raum stehen, sich die richtige aber erst nach Rücksprache mit praxis-erfahreneren Ärzten oder eben weiteren Untersuchungen zeigt.

Letztendlich auch wieder dem Gesundheitssystem geschuldet ist die Tatsache, dass gerade Klinikärzte elendig lange Dienstzeiten haben. Nach 24 Stunden oder mehr kann man einfach nicht mehr so aufnahmefähig sein, es unterlaufen einem zwangsläufig Fehler. Das ist schlimm, da es sich hier ja nicht um Versuchskaninchen handelt, sondern um lebende Patienten- doch hier müsste eindeutig unser Gesundheitssystem geändert werden.

Und was explizit das "Dramatisieren" betrifft: ich vermute auch hier haftungstechnische, möglicherweise ebenso wie finanzielle Gründe. Für die Bettenbelegung gibt es Geld und wie gesagt, leider muss auch eine Klinik verdienen. Dass es unethisch ist, gerade an einem kleinem Kind verdienen zu wollen, steht auf einem anderen Blatt.

Andererseits könnte es aber auch eine Vorsichtsmaßnahme sein: bis die Ergebnisse der Untersuchungen da sind und sich evtl. weitere anschließen, dauert es eben seine Zeit. Da ist ein stationärer Aufenthalt zwar unangehm, aber sinnvoll, wenn wirklich der Verdacht auf etwas schwerwiegenderes besteht. Ob dem dann tatsächlich so war, stellt sich ja immer erst im Nachhinein heraus.
Selbiges gilt auch für die evtl. unangenehmen Vorsichtsmaßnahmen zur Risikominimierung; im Falle von MamaOTR das Legen eines Nasenschlauches zur Beatmung. Es werden hier oft gewisse Standardvorgehen vorgegeben, um eben im Fall des Falles nichts unterlassen zu haben.
Das ist nicht unbedingt patientenfreundlich oder individuell, sondern eben einfach standardisiert.
Aber ohne solch vorgschriebene Prozeduren kann man gerade einen großen Laden nicht am Laufen halten und für die Individualisierung fehlen Personal und Geld. Also größtmöglichtse Risikominimierung für kleinstmögliche Kosten. Ja, das ist schlimm, aber nicht die Schuld der Ärzte.


Unverschämte Aussagen seitens der Ärzte, die den Eltern zudem ein schlechtes Gewissen machen wollen
Auch hier kann ich nur wieder Vermutungen anstellen und deshalb erzähle ich von meinen persönlichen Erfahrungen: es gibt einen Typus Eltern, der beratungsresistent ist und alles besser weiß. Das ergoogelte (falsche) Wissen ist heilig. Leider ist diese Spezies gar nicht so selten und könnte mich persönlich oft zur Weißglut bringen, denn auch wenn es in bester Absicht geschieht: als medizinischer Laie -selbst wenn man noch so viel googelt (bzw. gerade dann!)- fehlt einem einfach der Background und die Empfehlungen vom Fachmann machen oftmals durchaus Sinn.

Ich persönlich merke, dass ich z.B. sehr dünnhäutig werde, wenn wieder einmal eine Mama kommt, bei derem Kind Streptokokken festgestellt wurden, die aber den Antibiotikumsaft nicht geben will, da er ja nicht "natürlich" ist und stattdessen Globuli verlangt.
Ich bin auch kein Fan von zu häufiger Antibiotikumgabe, denn oftmals muss es tatsächlich nicht sein. Aber gerade Streptokokken sind keine Lappalie, sondern können unbehandelt zu einer chronischen Herzmuskel- oder Nierenschädigung führen, welche sich aber oftmals erst nach vielen Jahren zeigt.
Hier halte ich es für unverantwortlich, sein Kind dieser tatsächlich vorhandenen und gar nicht so seltenen Gefahr auszusetzen. Aber selbst da rede ich oft gegen eine Wand. Für solche Situationen gibt es leider viele Beispiele.

Ich vermute, dass es Ärzte da oftmals noch wesentlich schwerer haben und vielleicht manchmal gar nicht mehr unterscheiden, ob da nun eine "vernünftige" Mama oder eine "beratungsresistente" vor ihnen sitzt.
Nein, das ist keine Entschuldigung, aber vielleicht ein Ansatzpunkt zum gegenseitigen Verständnis. Natürlich ist es nicht richtig, Eltern die ohnehin mit den Nerven am Ende sind noch zusätzlich durch irgendwelche anmaßenden Aussagen zu verunsichern. Ich hoffe jedenfalls, dass das oftmals gar nicht so gemeint war, wie es dann rüberkam.


Ich verstehe den Frust von allen Mamis (und Papis), die mit krankem, schreiendem Kind voller Sorge irgendwo in der Klinik sitzen, deren Nerven durch ewiges Warten noch zusätzlich strapaziert werden und die dann entweder lapidar abgetan oder eben noch weiter verunsichert werden.
Ich selbst könnte mich vor Ärger über solche oder ähnliche Situationen oft übergeben- oder wahlweise vor Wut wild schreiend durch die Gänge laufen, um den Verantwortlichen dafür an die Kehle zu springen.
Nur ist das eigentliche Problem eben (meistens) nicht der Arzt, sondern die vom Gesundheitssystem diktierten Vorgehensweisen.

Ich sehe es alles in allem als sehr schwierig -eigentlich unmöglich- für die Ärzte, den Spagat zwischen angemessener Behandlung und Einhaltung der Kosten durchzuführen. Für unverschämtes Verhalten ist dies natürlich niemals ein Grund und so etwas darf meiner Meinung nach auch nie vorkommen, egal wie überarbeitet, müde oder gestresst man ist.
Leider kommt dies aber trotzdem tagtäglich überall vor, sei es von der unverschämten Dame im Supermarkt oder der unmotivierten Kassiererin beim Metzger. Aber es trifft einen natürlich wesentlich härter, wenn es um das eigene Kind geht, gerade wenn man zudem noch selbst gestresst und besorgt ist- gerade dann wäre wenigstens ein Hauch Empathie sehr wünschenswert.

Das Wohle des Patienten sollte immer an erster Stelle stehen, doch in unserem Gesundheitssystem tut es dies nur zum Schein und das geht dann wiederum auf Kosten des Patienten. Ich weiß ganz ehrlich nicht, wo das hinführen soll.
Nein, es ist nicht alles schlecht an unserem System, es gibt auch viele löbliche Punkte. Aber eine Vereinbarkeit von minimalen Kosten und der Gesunderhaltung des Patienten ist kaum möglich- da können auch die Ärzte nichts dafür, sondern sie müssen als kleines Rädchen in diesem Getriebe ebenso funktionieren, wie dem enttäuschten Patienten oftmals die Hände gebunden sind und er auch alles schlucken muss. Eine Änderung hierzu müsste von weiter oben kommen- nur wie?

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