Montag, 25. Mai 2015

Wochenbett 1- Im Perinatalzentrum


Die erste Nacht im Krankenhaus verbrachten Herr M., Lilly und ich im Familienzimmer. Ich stand am gleichen Abend das erste Mal auf, um meinen Kreislauf wieder etwas zu aktivieren, wäre aber fast kollabiert- so schmerzhaft hatte ich mir das ganze nicht vorgestellt!
Da Lilly mit 36+0 noch als Frühchen zählt, wurde ihr Blutzucker engmaschig kontrolliert und die arme Maus wurde alle paar Stunden in ihren kleinen Fuß gepiekst. Danach wurde sie mir immer zum Stillen angelegt.
Am nächsten Tag quälte ich mich immer wieder aus dem Bett, da man ja frühzeitig wieder auf die Füße kommen soll. Im Nachhinein bin ich heilfroh, dass ich dies auch gemacht habe, denn sonst wäre die im folgenden nötige Entlassung nicht möglich gewesen.

Der Blasenkatheter wurde mir in der Früh gezogen und tagsüber schleppte ich mich immer wieder auf die Toilette, ansonsten hatte ich mir die Maus auf den Bauch gelegt und kuschelte ganz viel mit ihr. Es war ein friedlicher Tag, Herr M. war kurz einkaufen und kam dann mit Rohschinken, Mettwurst und einem Piccolo zurück.
Kurz nachdem wir angestoßen hatten erhielten wir dann die schlimme Nachricht: Lillys Blutzucker ist stark abgesunken und sie muss in eine andere Klinik auf die neonatolgische Station zur Überwachung verlegt werden. Es war gegen 21 Uhr, eine Schwester gab ihr mit der Pipette etwas Pre-Nahrung für den Zucker und ich stand komplett unter Schock. Ich wollte unbedingt mit in die andere Klinik und dies war nicht möglich.

Ich lag heulend mit Lilly im Bett, bis sie von der Schwester geholt wurde, da der Transport aus der anderen Klinik da sei. Herr M. ist mitgegangen und ich bin dann ebenfalls hinterher, stand laut weinend im Flur und habe gewartet, bis die Kinderärzte des anderen Krankenhauses Lilly untersucht hatten. Ein wirklich sehr netter junger Arzt versuchte, uns zu beruhigen, aber als Lilly dann im Brutkasten abtransportiert wurde, war das glaube ich das schlimmste Gefühl, das ich jemals erlebt hatte.
Sich von dem eigenen Baby zu trennen, 36 Stunden nach der Geburt...ich habe nur noch lauthals geheult und wollte mit, egal wie.

Die Krankenschwestern haben mich dann schließlich überzeugt, dass es besser ist, wenn ich hier nachts noch Milch für sie abpumpe und schaue, dass ich am nächsten Tag irgendwie hinterher kann. Herr M. ist dann schließlich mit dem Auto nachgefahren und war einige Zeit bei ihr- Lilly lag aber im geschlossenen Wärmebettchen, so dass kein Hautkontakt möglich war. Zum Glück hat sie wohl die ganze Zeit friedlich geschlafen.

Für mich war die Nacht die reinste Hölle. Ich habe Lillys Kuscheldecke im Arm gehabt (diese durfte aus Hygienegründen nicht mit) und habe die ganze Zeit nur noch geweint, unterbrochen vom Abpumpen.
Am nächsten Tag in der Früh wollte ich dann verlegt werden. Die Ärztin hat auch sofort telefoniert und versucht, einen Platz für mich auf der Frauenstation zu kriegen, aber da war alles komplett belegt. Nun gab es noch 2 Möglichkeiten: ich könnte für tagsüber entlassen werden und müsste abends zurückkehren. Oder aber ich würde komplett vorzeitig entlassen (dies war noch am Vorabend keinesfalls möglich, da frischer Kaiserschnitt und die Komplikationen danach...) und könne versuchen, dort als Begleitperson auf der Kinderstation unterzukommen- aber hier gäbe es keinerlei Nachsorge oder Pflege für mich und ich müsse mich um alles selbst kümmern. Da mir der Sinn verborgen blieb, wieso ich nachts im anderen Krankenhaus schlafen sollte (passiert hier dann tatsächlich irgendeine "Nachsorge"???) habe ich natürlich sofort Option 2 gewählt und 1 Stunde später hat mich Herr M. im Rollstuhl aus der Klinik gefahren.

Im anderen Krankenhaus angekommen  musste ich dann die Zähne zusammenbeißen und mich selbstständig fortbewegen. Dank meiner frühzeitigen Aufstehaktionen war dies nach den ersten Anlaufschwierigkeiten relativ schnell recht problemlos möglich- es musste ja irgendwie gehen.

Als ich dann auf der Neonatalogie die kleine Maus nackt und total verkabelt im gläsernen Wärmebettchen gesehen habe, musste ich wieder weinen. Eine sehr nette Schwester hat dann sofort geschaut, ob sie ein Bett für mich organisieren kann und so war ich kurze Zeit später 2 Zimmer neben der Überwachungsstation untergebracht. Wie sich im Lauf des Aufenthaltes herausgestellt hat, war das mit dem Bett ein richtiger Glücksfall, denn sie haben genau 4 Betten auf der Station für Begleitpersonen, die ständig belegt sind und für die es teilweise sogar Wartelisten gibt. Zeitweise waren wir dann zu dritt in den ohnehin engen Zweibettzimmeren untergebracht und ich hatte in diesen knapp 2 Wochen ca. 8 wechselnde Zimmergefährten.

Lilly hatte nun nicht nur Probleme den Blutzucker zu halten, sondern entwickelte auch immer wieder kleine Atemaussetzer; so wurde neben dem Zucker auch die Herz- und Atemaktivität dauerüberwacht.
Der Ablauf auf Station selbst glich einem Gefängnis: es wurde angeordnet, dass Lilly zunächst alle 3, später alle 4 Stunden eine bestimmte Menge trinken müsse, die sukzessive gesteigert wurde. Das heißt, ich musste die Maus immer erst neu wickeln, von den Monitoren abkabeln, wiegen, einpacken, auf meinen Schoß legen und wieder ankabeln und dann versuchen zu stillen, anschließend wieder wiegen etc. Die ganze Prozedur war ein Ewigkeitswerk, v.a. da ich mit der frischen Narbe nicht richtig aus dem Sitzen aufstehen konnte, insbesondere nicht mit Baby im Arm.
Herr M. war die erste Zeit fast ebenfalls den ganzen Tag da und hat mir geholfen, so dass ich nur die Nachtschichten alleine bewältigen musste. Lilly hat die errechneten Trinkmengen nie auch nur annähernd geschafft, so dass dann versucht wurde, ihr den Rest per Flasche einzuflössen- auch nur mit mäßigem Erfolg. Nach 2 oder 3 Tagen bekam sie dann eine Magensonde gelegt. Der Ablauf erweiterte sich nun dahingehend, dass ich nach dem Stillen nun sondieren musste und anschließend abpumpen, um Milch für die nächste Sondennahrung bereit zu stellen.

Auch das Einspritzen in die Sonde war katastrophal, da die arme Maus sofort wieder alles erbrach bzw. es durch den Sondenschlauch wieder hochkam. Ich war mit meinen Nerven am Ende, mir wollte nicht in den Kopf, dass sie tatsächlich diese Riesenmengen brauchte, wenn sie nicht einmal in ihrem Magen Platz hatten. Sie war meiner Meinung nach komplett überfüllt und meldete sich dann zur nächsten Mahlzeit auch nicht von selbst, da sie einfach keinen Hunger hatte. In meinen Augen ein Teufelskreis, das Ziel sollte sein, dass sie a) diese Mengen schafft und b) sich immer von selbst meldet (allerdings nach exakt 4 Stunden!). Die Gespräche mit den Ärzten und Schwestern liefen aber nur darauf hinaus, dass sie unbedingt diese Mengen zu sich nehmen müsste, um nicht weiter abzunehmen.

Erst ein Telefonat mit meiner Hebamme beruhigte mich dann etwas. Sie bestätigte, dass Lilly tatsächlich in etwa diese Rationen brauche. So saß ich also zu den fixen Fütterungszeiten da und stillte sie nach dem üblichen Waagenprozedere. Anschließend musste ich ihr die Menge, die sie nicht geschafft hatte, nachsondieren und das in einem wirklichen Schneckentempo, damit nicht alles wieder hochkam. Dann musste ich abpumpen. Das alles zog sich so dermaßen in die Länge, dass ich damit immer 2-3 Stunden beschäftigt war, denn zusätzlich kamen oft noch Wartezeiten hinzu, weil die Waage oder die Milchpumpen besetzt waren oder keine Schwester verfügbar war, um ein Abpumpset rauszustellen etc.

Also hatte ich vor dem nächsten Futterzyklus meist nur noch eine, manchmal 1,5 Stunden Zeit, bevor es wieder von vorne los ging, Tag und Nacht. So habe ich in den ersten Nächten nur 2 Stunden geschlafen- zerstückelt. Später habe ich es dann immerhin auf bis zu 4 Stunden geschafft.

Lillys Werte stabilisierten sich recht schnell, nach 4 Tagen gab es keinen Atemaussetzer mehr und auch die Glucoseinfusion wurde abgesetzt- allerdings dank einer Schwester, die versehentlich den Schlauch mit einem Knick fixiert hatte, so dass nichts mehr durchging. Daraufhin wurde dann beschlossen, erstmal zu beobachten ob sie auch ohne Infusion den Zucker halten kann, bevor die Infusion neu gelegt wird- dies hat zum Glück funktioniert! Es blieb als Problematik aber nach wie vor Lillys (vermeintlich?) zu geringe Trinkmenge.

Herr M. hat mir immer Essen vorbei gebracht, denn da ich kein Patient war, bekam ich auch keine Nahrung. Hunger hatte ich ohnehin kaum, aber ich habe mich dazu gezwungen, alleine wegen der Milchproduktion (innerhalb dieser 2 Wochen habe ich fast wieder mein Ausgangsgewicht von vor der Schwangerschaft erreicht). Nach einer Woche war ich fix und fertig, kein Schlaf, die Sorgen um die Maus und diese ganze seltsame Situation in dem gefängnisartigen Krankenhaus- ich war ab dem 2ten Tag nach dem Kaiserschnitt fast rund um die Uhr auf den Beinen, habe nur noch irgendwie funktioniert und gehofft, dass es bald vorbei ist...wann dies der Fall war, stand in den Sternen. Aussagen des Pflegepersonales, dass es noch Wochen dauern könne, frustrierten zusätzlich und so zog Tag um Tag an uns vorbei...

Kommentare:

  1. Liebe Manati!

    Du bist so unglaublich tapfer und stark für Deine kleine Maus!
    Ich habe Tränen in den Augen und kann diesen "Abschiedsschmerz" so sehr nachvollziehen - ich wäre auch Wahnsinn geworden und hätte nur geweint.


    Deine Maus kann Stolz sein, so eine starke Mama zu haben!!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Düse,
      Vielen Dank für deine Worte. Ich kam mir gar nicht tapfer vor, sondern habe einfach irgendwie funktioniert. Aber wenn ich an diese Trennung zurückdenke, muss ich auch jetzt noch immer fast heulen...
      LG

      Löschen
  2. Das schreiben hat sicher Kraft gekostet oder?
    Ich stelle mir das alles so traurig und schlimm vor, der Teil wo sie im Brutkasten weggefahren wurde...ich kann und will mir das eigentlich nicht vorstellen.
    Der Gedanke tut schon weh, gleicht aber sicher nicht mal im Ansatz dem Schmerz den du gefühlt haben musst,
    Und diese Ohnmacht das man nichts tun kann, nicht hinterher kann...
    Dann die quälende Zeit in der anderen Klinik, die Bedingungen für sie und für euch als Eltern und nicht zu wissen wann ihr gehen könnt...

    Ich stimme dem Kommentar von wunschkindwege zu. Du bist unfassbar stark und tapfer.
    Lilly kann sehr stolz auf ihre starken Eltern sein ♥

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Taly,
      auch dir vielen Dank für deine lieben Worte. Sas Schreiben hat mich aber sogar eher etwas erleichtert, auch wenn ich nicht gerne an diese Zeit zurückdenke...
      LG

      Löschen
  3. Liebe Manati!
    Mit einer Gänsehaut habe ich deinen Beitrag gelesen. Es tut mir so leid, dass du und deine Familie das durchmachen mussten. Ich wünsche Euch weiterhin ganz viel Kraft!
    Alles Liebe

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich danke dir und bin unendlich froh, dass diese Zeit vorbei ist!
      LG

      Löschen

Ich freue mich über einen Kommentar von Euch!