Mittwoch, 29. Juli 2015

Liebe Stillmafia...

Neulich saß ich abends auf der Terrasse und gab Lilly das Fläschchen. Da schallte ein Ausruf "Ich dachte, Sie stillen?!?!" über den Gartenzaun. Entsetzt. Abwertend. Vorwurfsvoll. Von meiner Nachbarin, einer Frau, mit der ich bislang vielleicht fünf Mal gesprochen hatte. Vielleicht hätte mir es schon beim ersten Mal etwas komisch vorkommen sollen, als sie sich -kurz nachdem wir aus der Klinik entlassen wurden- bei uns vorstellte "Hallo, ich bin die x" und direkt im zweiten Satz ein "Stillen Sie eigentlich?" nachschob. Natürlich mit dem direkten Anschluß "Das ist nämlich das Beste fürs Kind!"
Ich war also kurzzeitig versucht, ihr von unseren Stillproblemen zu erzählen und dass ich zu diesem Zeitpunkt nur noch ein-bis zweimal täglich stillte.
Dann schoß es mir aber durch den Kopf "Wieso um alles in der Welt sollte ich mich für so etwas persönliches und intimes wie Stillen oder Nicht-Stillen rechtfertigen? Noch dazu vor einer Frau, die mir im Grunde völlig unbekannt war?"
Es artet schon in einem Zwang zur Rechtfertigung aus, wenn man nicht stillt (wie absurd ist das denn bitte?) oder man bekommt sofort den Stempel "Rabenmutter" aufgedrückt und daran gebe ich tatsächlich unserer Gesellschaft eine große Mitschuld. Jeder weiß es (v.a. die, die keine Kinder haben): "Muttermilch ist das Beste!" Stillt man nicht, ist man ergo eine Rabenmutter, da mein seinem Baby das "Beste" verweigert. Ihm gar schadet. Und genau dies wird propagiert.

Aber was ist denn dieses "Beste" nun eigentlich? Das beste im Sinne von "Gesündeste"?
Muttermilch hat einen unbestreitbaren Vorteil gegenüber Pulvermilch: sie enthält mütterliche Antikörper. Logischerweise nur solche, die auch die Mama hat, sprich von Infekten und Krankheiten, die diese selbst durchgemacht hat. Aber erstens speichert das Baby die nicht für die Zukunft, sondern hat sie eben so lange, wie es gestillt wird- sprich in diesem Zeitraum ist es gegen diese Erkankungen immun. Und zweitens hat auch ein Nicht-Stillbaby Antikörper und zwar werden die im Laufe der Schwangerschaft plazentar übertragen- der sog. Nestschutz und dieser hält tatsächlich Monate vor.

Alles andere an Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und auch Makronährstoffen ist in der heutigen Kunstmilch ebenso enthalten. Nur ist diese eben "künstlich" hergestellt und nicht natürlich. Das mag einer Öko-Mutter (und das meine ich nicht abwertend!) nun sauer aufstoßen, aber im Endeffekt kommen die selben Nährstoffe beim Kleinen an.

Was die zahlreichen Studien betrifft, dass Stillen angeblich vor Allergien schützt, das Immunsystem stärkt, das Gehirn besser reifen lässt etc. sei nur kurz gesagt, dass es sich hier meist um sog. Beobachtungsstudien handelt. Sprich man beobachtet Still- und Flaschenbabys, sagen wir einmal 100 Stück pro Gruppe. Stellt man nun fest, dass von den Stillbabys 2 eine Allergie entwickeln und von den mit Prenahrung gefütterten 3, hat man eine hoch signifikantes Ergebnis, nämlich dass hier ein Drittel, also 33% mehr krank werden. Klingt so gesehen furchtbar viel, sieht man es aber in Relation heißt es lediglich, dass aus der einen Gruppe 2% und aus der anderen 3% eine Allergie entwickeln.  Fast das gleiche Ergebnis.
Aber das eigentliche Problem daran ist, dass hier ja auch die ganzen Hintergründe bzgl. Veranlagung, Vererbbarkeit etc. hineinfließen- diesen Faktor muss man berücksichtigen, denn gerade Allergien, Asthma, Neurodermitis sind vererbbar und nur dann erhält man für beide Gruppen vergleichbare Ergebnisse. Und dies wurde m.W.n. nicht bei allen Studien gemacht.

Und zu guter Letzt hat sich herausgestellt, dass der Großteil der Stillbabys oftmals aus sozial und intelektuell höheren Schichten stammt, die über ein überdurchschnittliches Einkommen verfügen- dies führt zu einem generell gesünderen Lebensstil und der finanzielle Background ermöglicht dem Kind gute Bildungschancen. Ob vermeintlich höhere Intelligenz und bessere Gesundheit also (allein?) aufs Stillen zurückzuführen ist, ist fraglich.
Zumal es aus jüngerer Zeit nun auch wieder Studien gibt, die bzgl. Allergierisiken und Immunsystem genau das Gegenteil behaupten- ein längeres Stillen würde zu verstärktem Auftreten von Asthma, Allergien und einem eher schlechteren Immunsystem führen.
Im Endeffekt weiß man also nichts genaues und es gibt keine hieb- und stichfesten Beweise, ob Muttermilch wirklich so viel besser ist, wie behauptet wird.

Und noch ein kurzes Wort zu Schadstoffen: laut Ökotest wurden in Säuglingsnahrungen solche ja zu Hauf gefunden- doch fragt man Kinderärzte und Lebensmittelchemiker schütteln die angesichts dieser Ergebnisse nur lächelnd den Kopf: diese Mengen seien so vernachlässigbar gering und auch in der "normalen" Muttermilch enthalten, da  man selbst auch bei guter Ernährung immer eine kleine Menge an potentiellen Schadstoffen aufnimmt, da diese ubiquitär vorkommen. Man denke nur an die gerade aktuellen Diskussionen ums Glyphosat in der Muttermilch- je nachdem, wer diese Studien interpretiert ist das entweder hoch gefährlich oder als Panikmache abzutun.
Und gerade wenn man in der Stillzeit noch abnimmt- was oftmals physiologischerweise der Fall ist, da der Energiebedarf stark erhöht ist und man mit einem kleinen Baby oft nicht zum regelmäßigen Essen kommt-werden vermehrt Giftstoffe aus dem körpereigenen Fettgewebe freigesetzt und gelangen in die Milch.
Wie schwerwiegend dies tatsächlich ist, mag ich nicht zu beurteilen- ich denke lediglich dass sowohl Mutter- also auch Pulvermilch beide nicht steril, aber weder giftig noch schädlich sind.

Die WHO-Empfehlung 6 Monate ausschließlich zu Stillen hat übrigens einen Hintergrund, der für uns in Mitteleuropa in der heutigen Zeit eigentlich nicht mehr relevant ist: Frauen aus ärmeren Ländern mit geringeren Hygienemaßnahmen haben Milchpulver mit verunreinigten Wasser angerührt, weshalb es immer wieder zu schweren Säuglingserkrankungen kam. Der Grund liegt aber nicht im "schlechten" Milchpulver, sondern an der falschen und unhygienischen Zubereitung. Da die WHO aber weltweit agiert, ist diese lange Stillempfehlung nach wie vor aktuell, da es auch in der heutigen Zeit noch genügend Länder mit geringem Hygienestandard gibt

Das klingt nun so, als ob ich gegen das Stillen wäre. Dem ist nicht so. Ich bin traurig, dass es bei uns nicht länger geklappt hat. Aber ich finde es schlimm, nicht-stillenden Frauen ein schlechtes Gewissen machen zu wollen. Künstliche Säuglingsnahrung ist kein Werk des Teufels und sowohl Stillen als auch die Flasche zu geben hat beides Vor-und Nachteile. Jede Frau muss und soll für sich selbst und persönlich entscheiden, was für sie das beste und wichtigste ist.
Und hier kommt es v.a. auch auf die Mama an und was ihr gut tut. Das Baby wird mit der Brust und mit der Flasche satt und wird sicher keinen Schaden von einer Pulvermilch davon tragen. Was bringt es, sich dazu durchzuringen, wenn es einen stresst, wenn man es als Bürde empfindet- man hat doch auch so schließlich mit einem Baby genug zu tun.
Und ich habe auch schon von Müttern gehört, die viele Monate gestillt haben und deren Mutter-Kind-Bindung später quasi nicht vorhanden war. Oder von Flaschenkindern, die eine super Bindung zur Mama hatten. Es gibt Kinder, die wurden 1,2 Jahre gestillt und haben massenhaft Allergien- ebenso wie viele Pulvermilch-Babys keine haben.

In diesem Sinne plädiere ich für ein bißchen mehr Toleranz. Wenn eine Mutter nicht stillt hat das entweder den Grund, dass sie es nicht möchte und sich aus freien Willen dazu entschieden hat. Und hat darüber vermutlich lange nachgedacht und individuell wichtige, gute Gründe dafür- wieso kann man das nicht respektieren?
Oder es gab Probleme mit dem Stillen und auch die lassen sich nicht immer mittels einer Hebamme oder Stillberaterin lösen. Was aber beide Gruppen nicht brauchen, sind Belehrungen über die unendliche Wichtigkeit des ausschließlichen Stillens und missbilligende Blicke.

Ich gestehe, ich schiele leicht neidisch auf jede Mama, die keine Probleme mit dem Stillen hat und das monatelang tun kann. Würde ich auch gerne, denn ich habe gerne gestillt. Aber trotzdem weigere ich mich, mich zu rechtfertigen weil ich nicht mehr stille. Und ich widerspreche vehement der Aussage, dass ein Baby dadurch geschädigt wird!

Auch wenn dieses Thema eigentlich ein alter Hut ist, es ist aufgrund dieser Problematik (leider) ständig aktuell. Jede Frau darf und soll es so machen, wie es für *sie* passt, ohne Druck der Gesellschaft und schlechtes Gewissen, denn sie tut sowohl mit als auch ohne stillen nichts schlimmes. Wie sehr ihr das?


Kommentare:

  1. Das ganze drama ums stillen geht mir gewaltig auf die nerven. Ich stille meine tochter (8 monate) noch 2 mal am tag und in der nacht neben der richtigen kost, da sie es möchte. Komischerweise wird nun langsam druck gemacht von außenstehenden "abzustillen". Egal wie, es ist so oder so alles verkehrt und die anderen wissen' s immer besser. Lass dich nicht unterkriegen, so wie du das machst, passt das schon. :-)

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  2. Danke! Du sprichst mir aus der Seele!

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  3. Hallo Manati!

    So eine blöde, wirklich blöde Hippe, eure Nachbarin! Man kann es nicht anders sagen! Was geht es sie denn an?! Nichts! Und genau deshalb muss man sich von solchen Leuten distanzieren! Man darf sich das, was sie sagen einfach nicht annehmen. Und ich verstehe auch einfach nicht, warum Frauen sich das Leben so schwer machen... Sicher, auch ich nehme mir manchmal Dinge zu sehr zu Herzen. Oder rege mich über Kleinigkeiten auf. Aber am Ende heißt es immer noch "SICH aufregen", wie der Prinzenpapa so schön sagt. Diejenigen, die den Unsinn verzapft haben, denken wahrscheinlich gar nicht mehr darüber nach. Abhaken und blöde Hippen auch einfach blöde Hippen sein lassen!

    Es macht mich irgendwie traurig, wenn ich lese, dass das Stillen bei euch nicht geklappt hat. Und irgendwie empfinde ich immer ein bisschen Mitleid. In meinem Bekanntenkreis kämpft auch gerade eine frische Mama damit, bei ihr kommt wohl einfach kaum Milch. Das tut mir Leid, gerade weil es bei uns so gut klappt. Andererseits werden auch sog. "Flaschenkinder" groß und das genauso gut, wie "Stillkinder"! Also ist mein Mitleid eigentlich genauso wenig angebracht, wie dein bisschen Neid. Jede tut am Ende das (in ihren Augen) Beste für ihr Kind! Eigentlich braucht es da weder Mitleid, noch Neid! Und wenn ich lese, wie du und auch meine Bekannte gekämpft habt, bzw. kämpft, dann denke ich immer "Ich hätte wohl schon längst das Handtuch geworfen". Weil dieses Kämpfen über einen langen Zeitraum auch nichts mit einer schönen Stillbeziehung zu tun hat und dann mMn beiden nicht gut tut.

    Eher nicht verstehen kann ich dagegen Mütter, die sich, aus welchen Gründen auch immer, von vornherein gegen das Stillen entscheiden. Aber am Ende geht mich das ja auch nichts an, ich würde diesen, sofern man sich tatsächlich mal gegenüber stehen würde, das vielleicht so sagen, dann am Ende aber auf sich beruhen lassen. Eben weil es mich nichts angeht. Vielleicht würde ich mich dann alleine zu Hause aufregen. ;)

    So, das ist jetzt ein etwas längerer Kommentar. :D

    Beste Grüße!
    Nele

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  4. Ich kann mich auch noch zu gut an die fiesen Kommentare und mein mieses Gefühl erinnern, als es mit dem Stillen nicht so lange geklappt hat, wie erhofft :/ Daher finde ich es toll, dass du diesen Post geschrieben hast, du sprichst mir und vielen anderen damit aus der Seele! Bei so einem sensiblen Thema sollte man sich wirklich nicht niedermachen, sondern lieber gegenseitig aufbauen. Fläschchen sind kein Weltuntergang, das beweisen viele, viele Babys, die trotzdem groß, gesund und glücklich geworden sind ;)

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  5. Diese Kommentare braucht keine frisch gebackene Mama. Zumal es deine Sache ist, ob du stillst oder nicht. Babys werden auch mit der Flasche prima groß und kuscheln kann man dabei auch (übrigens auch der Papa). Hast Recht mit "mehr Toleranz". Kopf hoch :-) LG, Bine

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  6. Huhu, meine Frau konnte in beiden Schwangerschaften nicht stillen, daher kenne ich diese Anfeindungen auch schon zu genüge. Es ist unfassbar und oft auch beschämend wenn man in der Öffentlichkeit dafür angefeindet wird. Es gibt schließlich vielfältige Gründe warum eine Mutter nicht stillt. Und diese gehen niemanden etwas an. Und es ist ja nicht so, als wäre das Stillen in der Öffentlichkeit, wenn man es denn dann kann, akzeptiert ist. Oft genug sieht man auch das die stillende Mütter abwertend, teilweise mit Ekel angeschaut wird. Deutschland ist in dieser Sache leider kein einig Land. Unsere beiden Kinder sind nun schon 5 und 2 Jahre alt und wir merken keinen Nachteil der "Ersatzmilch". DU als Mutter wirst das richtige Gefühl für dein Kind haben und du entscheidest. Viele Grüße Sascha

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  7. Wenn du stillst, gilst du als hysterische Ökomutti, wenn du nicht stillst, bist du eine egoistische Rabenmutter - man kann es niemals richtig machen ;)
    LG Feli

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