Donnerstag, 13. August 2015

Das genormte Kind

Es geht schon in der Schwangerschaft los: Gewicht und Größe werden geschätzt (genau Messen kann man ja nicht!) und die Frauen regelmäßig verrückt gemacht. Der Fetus ist zu leicht (Entwicklungsstörung! Mangelversorgung!) oder zu schwer (Diabetes!), alles muss exakt innerhalb einer gewissen Norm liegen. Wer nun aber denkt, dass mit der Geburt und einem gesunden Baby das ganze Normen-Drama ein Ende hat, der irrt- jetzt beginnt es erst so richtig!
Perzentil-Tabellen wohin man blickt, große Überschriften mit "Ihr Baby ist nun x Wochen alt und kann nun (Rechnen? Tanzen? Mandarin reden?)", Vergleiche von jungen Müttern untereinander- entweder ängstlich ("X ist genauso alt und kann das noch nicht???") oder prahlerisch ("Mein Baby kann schon [Lesen? Schreiben?...]").
Neulich bin ich über Baby-Apps gestolpert, in denen man minutiös die Zeit stoppen kann für Schlafen, Spielen, Trinken, Wickeln etc. pp. Das ganze sieht dann zum Schluß wohl so aus:  Gespielt 22 Minuten, 35 Minuten geschlafen, 11 Minuten getrunken (+Menge+ Nahrungstyp), 12 Minuten gewindelt (nass), 8 Minuten geweint,....
Ich habe mich tunlichst gehütet, mir diese App zu holen. Damit stand ich aber ziemlich alleine da, denn viele Mädels in meinem Bekanntenkreis sind davon begeistert. Denn es gibt wohl noch eine Zusatzfunktion, mit der man sein Baby dann online mit den anderen vergleichen kann.
Aber dann war das Gejammer plötzlich groß. Sohn X hat an einem Tag plötzlich 20 Stunden und 12 Minuten geschlafen- viel zu viel! Muss man sich Sorgen machen? Kann das vom Impfen kommen? Ist das Baby schwer krank? Gestern waren es ja schließlich nur 16 Stunden und 34 Minuten...
Doch nun diese App vom Handy verbannen? Undenkbar, schließlich hat man schon eine Sucht entwickelt und *muss* nun sehen, wie das Babyverhalten weitergeht.

Ich gestehe, auch ich habe einen gewissen Kontrollzwang- verursacht durch die ständige Wiegerei im Krnakenhaus und dem dort vorherrschenden Mantra "Das Baby muss exakt xy Gramm trinken! Unbedingt! Jeden Tag!". Lillys temporäre Trinkschwäche hat diese Ängste noch verstärkt und ich bin beim Stillen tatsächlich nicht mehr von der Waage losgekommen. Vor und nach jedem Trinken musste sie da drauf, und was anfangs eine Last war, mutierte ganz schnell zu einem Zwang- getrieben von der Angst, dass sie zu wenig trinken könnte.
Auch heute notiere ich mir noch die Fläschchenmengen, die sie über den Tag verteilt trinkt und werde leicht nervös, wenn sie einen Tag lang deutlich unter ihrem "Soll" liegt. So tief sitzt hier der Schaden. Im übrigen bei einem komplett zufriedenem Kind, das sein Geburtsgewicht innerhalb von 14 Wochen verdoppelt hat und sich auch ansonsten prima entwickelt.

Genau aus diesem Grunde wollte ich nicht noch andere Parameter kontrollieren- beginnt man einmal damit, ist das wie eine Sucht. Und ständig stellt man fest, dass irgendwas nicht ganz "optimal" ist. Deshalb lese ich die diversen Newletter auch nicht, die täglich mein Postfach fluten und die behaupten dass mein Baby mit Woche x genau dieses und jenes können muss. Hier habe ich grobe Anhaltspunkte aus einem Entwicklungsbuch und mehr will ich auch gar nicht wissen.
Wenn ich Lilly beobachte, merke ich, dass plötzlich oder manchmal auch schleichend neue Dinge hinzu kommen- ob das nun alles zu früh oder zu spät ist, interessiert mich momentan nicht.

Selbiges ist es mit den Perzentiltabellen in den U-Heften. Diese haben sicherlich ihre Berechtigung als Orientierung, aber auch hierdurch werden die Mamas verrückt gemacht. Immer wieder ist das in meiner Umgebung ein großes Thema- wenn ein Baby auf der 15%-Perzentile liegt hat die betreffende Mama Sorge, ebenso wie die des vermeintlich zu schweren Kindes. Die 50er-Perzentile, der DURCHSCHNITT, wird als Optimum angesehen. Und dabei vergessen, dass es eben nur reine Zahlen sind, die durch eine simple Rechnung entstehen. Ein leichtes Baby + ein schweres Baby geteilt durch 2 ergibt das Normbaby. Ha, und da haben wir es schon- um zu diesen Werten zu kommen, muss es natürlich immer schwerere und leichtere, größere und kleinere Babys geben. Wie auch bei den Erwachsenen.
Natürlich ist es beobachtungsbedürftig, wenn ein Baby immer "zu schwer" war, also z.B. auf der 97er Perzentile liegt und dann plötzlich nur noch auf der 15er. Aber ein Kind das schon immer auf der 15er liegt und da drauf bleibt, entwickelt sich absolut prima!

Leider wird dies aber scheinbar viel zu wenig kommuniziert, die Mamas sind ständig verunsichert und machen alles nur noch an irgendwelchen fixen Werten fest. Und wenn ich so um mich blicke, haben in meinen Umfeld 7 von 9 Still-Mamas Sorge, dass ihr Kind zu wenig Milch bekommt. Allerdings ohne weitere Anhaltspunkte, die Babys wirken alle zufrieden, satt und haben auch genügend nasse Windeln. Die Mamas haben sich aber Waagen ausgeliehen und/oder Milchpumpen, um die Mengen zu kontrollieren. Und befinden sich nun in der selben Maschinerie wie ich damals mit der Wiegerei.

Wo soll das ganze denn noch hinführen? Es werden nicht mehr die Kinder selbst beobachtet und ob sie zufrieden wirken, sondern man starrt nur noch auf irgendwelche Werte. Und es wird einem ja auch von allen Seiten eingetrichtert, die Angst geschürt. Man muss wirklich lernen, sich auf sein Kind zu verlassen und ihm zu vertrauen, es weiß doch selbst am besten, ob es gerade müde ist oder Hunger hat und wenn hungrig, dann wieviel. Die eigentlich natürlichste Sache der Welt ist zu etwas komplett mechanischen geworden, man ist ständig in nervöser Beobachtungsbereitschaft, ob alles noch "normal" ist.
Ich bin gespannt, wie es hier noch weiter geht, wenn dann so "essentielle" Sachen wie Krabbeln, Sitzen und Laufen kommen...


Ach ja, letztens hat eine Mama das erste Lächeln ihres Babys nur noch aus den Augenwinkeln erspäht und nicht mehr genießen können, da sie in ihre Baby-Beobachtungsapp gerade die Schlafenszeiten nachtragen musste...

Kommentare:

  1. Hey!

    Ein schöner Blogbeitrag! Ich hab am Anfang auch mal eine Still App genutzt, da ich das Gefühl hatte, überhaupt nicht mehr von der Couch hoch zu kommen... Ich hab also mal grob die Stillmahlzeitendauer mitgetrackt. War mir dann aber auch irgendwann zu mühsam und ich habs gelassen. :D Wenn man stillt ist es natürlich manchmal verunsichernd, man weiß ja wirklich nie, wie viel das Baby jetzt tatsächlich getrunken hat. Seit sich das bei mir eingependelt hat und die Brüste nur noch sehr selten mal "voll" sind, hatte ich auch mal Phasen, in denen ich dachte "Ist er jetzt wirklich satt?". Wenn man die Flasche gibt, hat man eben noch eine visuelle Bestätigung, die beruhigen kann... Ich denke aber, dass ich schon merken würde, wenn er tatsächlich nicht satt werden würde. Außerdem vergesse ich mittlerweile sowieso ständig, wann ich das letzte Mal gestillt hab, hier wird im Zweifel angelegt... :D

    Ansonsten versuche ich mich von irgendwelchem "Könnensollen" frei zu machen. Ich habe bewusst kein "Oje, ich wachse". Auf meinem Blog halte ich ja auch die großen und kleinen Erfolge fest, aber für mich (und ihn). Ist doch echt völlig egal, wer wann was kann. Und ob eine Drehung mit 12, 15 oder 20 Wochen erfolgte. Oder gar nicht, gibt's ja auch... Ich denke, vieles hängt auch mit dem Gemüt des Babys zusammen. Ich kenne bspw. ein tiefenentspanntes Baby. Der dreht sich kaum, liegt gern einfach da und guckt. Die Eltern sind wohl auch eher entspannt... Und haben zum Glück einen entspannten KiA, der nicht zusätzlich verunsichert. Er wird schon irgendwann laufen. Ob er davor nun gekrabbelt ist, oder nicht.

    Ich versuche also keine Steine zu werfen, indem ich von meinem Baby schreibe. Jedes Baby ist anders. Punkt. Back to the roots würde vielen gut tun... Und vl mehr Beschäftigung mit dem Baby, das fördert und fordert nämlich auch. Schlafenszeiten tracken... Die Mütterwelt ist schon verrückt!

    Beste Grüße!
    Nele mit Sportbaby T. :D

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    1. Liebe Nele,
      gerade mit dem Stillen stimme ich dir zu. Es stimmt, dass man hier doch manchmal verunsichert ist und sich am liebsten Brüste mit einem Füllgradanzeiger wünscht.
      Aber ich denke trotzdem, dass das Nachgeben dieser Verunsicherung mittels Waage oder Pumpe der erste Schritt zum Kontrollzwang ist- da trinkt das Baby mal (vermeintlich) zu wenig, dann kontrolliert man wieder beim nächsten Stillen etc.
      Wenn also keine offensichtliche Anzeichen da sind wie noch Hunger (Lilly hat immer die Brust angebrüllt, wenn nichts mehr/zu wenig raus kam!) oder zu wenig nasse Windeln sollte man aus Eigenschutz diesem Zwang nicht nachgeben, denke ich ;-)
      Sollte es dann trotzdem (unwahrscheinlicherweise) wirklich zu Gedeihstörungen kommen- und das bemerkt der Arzt im Rahmen der U-Untersuchungen ja wirklich zeitnah- ist immer noch genügend Zeit zum Handeln...
      LG

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  2. Ohja, wie recht du hast. Unser Kind passt wohl in keine Normentwicklung, aber wir machen uns da nicht verrückt. Er ist irre groß und schwer, schläft teilweise ganze Tage fast durch und andere wieder kaum. Manchmal trinkt er, dass wir denken, wo soll das alles hin, der ist doch randvoll, und an anderen Tagen nuckelt er nur ein paar Minuten pro stillen vor sich hin.
    Immer, wenn ich mir doch mal Sorgen mache, schau ich ihn an und er ist gesund und zufrieden und ich weiß, der hat seine eigene Norm!

    Ich hoffe, deiner Kleinen geht es gut,

    liebe Grüße,
    Hanna

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    1. Liebe Hanna,
      ich finde es sehr erfrischend, dass es noch gelassene Mamas gibt, die nicht jede kleine Abweichung von der ohnehin nicht vorhandenen "Norm" zum Problem hochstilisieren und so locker damit umgehen wie du! Finde ich super!
      LG

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  3. Oh meine Güte, was für eine schreckliche App :D Ich hasse dieses ganze Vergleichen unendlich und lese mittlerweile nichtmal mehr meine Baby-Newsletter... Ein Kind ist ja kein Computer, bei dem alles ganz genormt ist :) Super, dass du das Thema aufgreifst!

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    1. Liebe Katharina,
      vielen Dank für deinen Kommentar- und der Computervergleich ist sehr treffend!
      LG

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  4. Gratulation, du bist schon durch! Immerhin heißt es ja: Problem erkannt - Problem gebannt. Das heißt nicht, dass man nicht hin und wieder wegen irgendwas in Panik gerät. Aber du hast schon mal gelernt, auf dein Kind zu schauen und darauf zu vertrauen, dass es seinen Job als Baby schon richtig beherrscht. Kinder geben ja deutlich Rückmeldung. Man merkt, wenn etwas wirklich nicht stimmt und dann fragt man am besten jemanden, der sich damit wirklich auskennt, z.B. den Kinderarzt.

    Ich finde es schade, dass die Leute sich einen Stress machen. Man nimmt sich dadurch viel. Und sollte ein Kind tatsächlich entwicklungsverzögert oder krank sein, dann ist das eher eine langfristige Sache und nicht innerhalb einer Woche zu lösen. Dann müsste man eh einen Gang herunter schalten.

    In dem Sinne, wenn du mit deinen Mamifreundinnen redest, lenk doch einfach das Gespräch mal auf die vielen tollen Momente mit Baby, was ihnen am besten gefällt, wo man die schönsten Strampler bekommt etc. Einfach nicht an die Problemen denken, 80% haben sich sowieso von selbst in Luft aufgelöst, bis man recht darüber nachgedacht hat.

    Und was ich bei dem ganzen Gehype etwas unschön finde: Man ist ja so mit lauter Kleinscheiß beschäftigt, dass man sich hinterher schwer tut, tatsächliche Probleme zu erkennen und angemessen zu reagieren. Man muss sich ja irgendwie die Relationen bewahren.

    Jedenfalls, weiter so. Lass dein Baby halt Baby sein und nutze die Zeit, herauszufinden wer du als Mutter bist und wie du als Mutter sein willst. Denn plötzlich wird das Baby groß und verlangt Regeln und Antworten und dann hast du keine Zeit mehr in Ruhe darüber nachzudenken. Das hab ich zumindest auf die harte Tour lernen müssen.

    Ach und ich hab bisher nur wenige Kinder gesehen, die in die Statistik passen. Welch Wunder, wo wir doch immer propagieren, dass jeder Mensch einzigartig ist… Oder es könnte eventuell daran liegen, dass sich die Statistik vom Menschen ableitet und nicht der Mensch von der Statistik.

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    1. Liebe Rosalie,
      herzlichen Dank für deinen ausführlichen und wunderbar geschriebenen Kommentar!
      Du hast recht, das mit dem Hypen von Nichtigkeiten und dadurch das Verkennen von echten Problemen hatte ich noch gar nicht bedacht- noch ein Grund mehr, etwas gelassener zu werden ;-)
      LG

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  5. Wenn man anfängt sich Gedanken darüber zu machen,was im Leben alles von irgendwelchen Normen abweicht, dann hat man schon verloren. Lieber sich selbst als Individuum akzeptieren. Gleiches gilt auch für die Ergebnisse von Vorsorgeuntersuchungen... Egal wie dein Kind später zur Welt kommt, das Beste für seine Entwicklung ist ohnehin eine gesunde Portion Liebe und Zuneigung!

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  6. Ich war bereits als Fötus nicht "normkonform" immer zu schwer und zu groß. Was war am Ende? Ich bin 4 Wochen "zu früh" geschlüpft, weil der Arzt zu blöd war den Geburtstermin richtig zu berrechnen. Von wegen zu groß :) Mein Bruder war auch kein "normales" Kind. Bis ca. 1 Jahr hat er nur gegessen und geschlafen. Er war groß und schön propper. Der war so ruhig, das meine Mutter sogar nachsehen musste, ob er noch lebt. Und heute? Sind wir beide ganz normale Menschen.
    Lass dich nicht verrückt machen. Wenn ihr irgendetwas nicht passt, wird es deine Kleine schon melden.

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