Montag, 16. November 2015

Nervenzusammenbruch

Freitag, der 13: ich bin fertig. Komplett am Ende. Lilly weinte wieder seit Tagen unaufhörlich. Was erst wieder mit der altbekannten Einschlafproblematik begonnen hatte, steigerte sich täglich- so weit, dass sie nicht einmal mehr 2 Minuten abgelegt werden konnte. Sofort ging das Gebrüll los. Im Liegen wird gebrüllt, auf dem Bauch wird gebrüllt, Essen wird verweigert, Schlafen geht nicht, Alleine spielen-Fehlanzeige. Ich habe den Eindruck, ihr ist einerseits zu langweilig, andererseits ist sie wieder überreizt.
Auf dem Arm ist sie ruhig- kurzzeitig. Ich müsste mich nonstop und rund um die Uhr mit ihr beschäftigen. Sie brüllt zornesentbrannt, weil ein Spielzeug neben ihr liegt und sie zu faul ist, sich zu drehen. Überhaupt will sie sich so gut wie gar nicht mehr bewegen, alles wird nur angebrüllt. Aber körperlich ist alles in Ordnung.

Und ich? Mir reicht es. Ich bin verzweifelt. Ich bin wütend auf mein Kind. Ich weine. Ich schreie sie an, in ihr Gebrüll rein- sie erschreckt, ist kurz still, schaut mich mit großen Augen an und brüllt anschließend noch stärker. Auch ich erschrecke über mich selbst, habe ein furchtbar schlechtes Gewissen, tröste mein Baby. Und verzweifle weiter.

Als Herr M. kommt, bin ich komplett in Tränen aufgelöst. Er geht mit der Kleinen spazieren und ich klappe vollends zusammen. Ich weine nicht mehr, ich brülle aus vollster Kehle und Seele und kann mich nicht mehr beruhigen. Ich schmeiße leere Flaschen gegen die Wand, kralle mir die Fingernägel in die Handgelenke, weiß selbst nicht mehr, wie ich mich einkriegen soll. Wie die Kleine. Irgendwann -nach einer Stunde oder zwei- versiegen die Tränen. Ich fühle mich nicht wirklich besser, nur furchtbar leer und komplett verzweifelt.

Herr M. kümmert sich um die Kleine, nimmt sie in der Nacht. Obwohl ich schlafe (mit Beruhigungstablette!), geht es mir am nächsten Tag nicht viel besser. Auch hier ist Herr M. wieder zur Stelle, aber als das Geschrei wieder los geht, fließen auch bei mir erneut die Tränen. Und ich bin wütend, auf sie, auf mich, auf die ganze Situation.

Sonntag. Ich habe wieder geschlafen, da Lilly erneut beim Mann war. Wenn sie gebrüllt hat (unser Haus ist die Hellhörigkeit in Person), bin ich hochgeschreckt und wollte zu ihr laufen. Konnte nicht abschalten. Tagsüber geht es wieder so weiter. Sobald sie abgelegt wird, beginnt das Geschrei- und meine Nerven reißen endgültig. Ich weiß nicht, wie oft ich an diesem Sonntag heule. Aber abends ist es vorbei. Ich habe Angst, wirklich durchzudrehen. Mir wird schwindlig, ich bekomme keine Luft mehr, beginne zu hyperventilieren, zittere. Und obwohl ich nicht mehr klar denken kann wird mir klar: das ist kein normaler Heulflash mehr, nachdem man sich besser fühlt. Nein, ich bin tatsächlich komplett am Ende.

Angekündigt hat sich das ganze wohl schon lange. Ich kann seit Monaten kaum noch essen, kaum schlafen (auch wenn Lilly nachts nur einmal aufwacht: *ich* kann dann trotzdem nicht mehr Einschlafen). Kopfschmerzen und Muskelverspannungen sind meine Dauerbegleiter, ebenso wie eine latente Übelkeit. Ich bin gereizt und ausgelaugt. Und ich fürchte, das geht nicht mit 2 Nächten Schlaf wieder weg.

Es hat sich so viel aufgestaut, angefangen von der unentspannten Schwangerschaft über die unglückliche Situation nach der Entbindung und dann die furchtbar schlimme erste Zeit auf der Perinatalstation. Nur funktionieren. Ich hatte in diesem Sinne kein Wochenbett, in dem ich mich auf die neue Situation einstellen und erholen konnte. Viel mehr war ich seit dem 2. Tag nach dem Kaiserschnitt fast rund um die Uhr auf den Beinen, habe mich und meine Schmerzen zurückgesteckt, um einfach da zu sein für mein Kind.

Nach der Entlassung hat Herr M. versucht, mich zu entlasten so gut es ging. Hat nach einigen Wochen die Kleine zuerst hin und wieder, später regelmäßig 1.2x pro Woche über Nacht genommen. Die psychische Belastung blieb trotzdem, die dauernden Sorgen mit dem Trinken, dann die Sache mit den Blutwerten. Und schließlich kamen die Schreiphasen. Und die jetztige -gepaart mit der fast kompletten Nahrungsverweigerung- hat das Fass zum Überlaufen gebracht.

Was ich noch nie erzählt habe und auf das ich auch nicht genauer eingehen möchte: ich habe eine chronische Erkrankung, die mich körperlich phasenweise ziemlich ausknockt und die sicher auch ihren Teil zum schweren Ertragen dieser Situation beiträgt. Und auch einige meiner (negativen) Charakterzüge tun ihr übriges: ich bin perfektionistisch, ehrgeizig und kann schlecht Hilfe annehmen. Entspannen konnte ich mich ohnehin noch nie.

Aber nun ist der Punkt gekommen, an dem es nicht mehr geht. Als ich vorhin komplett zusammengebrochen bin, hat Herr M. meine Schwester angerufen. Sie ist Psychologin und wir haben jetzt ganz schnell in die Wege geleitet, dass morgen meine Eltern hierher kommen (sie wohnen 200km entfernt) und ich werde zu meiner Schwester fahren (ebenfalls etwa diese Entfernung). Sie hat dringendst dazu geraten, so schnell wie möglich ein paar Tage ohne Kind rauszukommen.
Ich fühle mich bei dem Gedanken daran nicht wohl. Ich möchte bei Lilly sein und sie bei mir haben, ich vermisse sie schon, wenn sie nur schläft. Aber es ist momentan auch nur eine Sache von Sekunden, dass meine Nerven reißen, wenn sie brüllt. Von daher weiß ich, dass ich -wir- nur noch weiter in den Teufelskreis reinrutschen würde, wenn ich nun hier bleibe.

2,3 Tage Atempause sind sicher keine Lösung, aber hoffentlich ein Anfang. Wie es dann weiter geht- ich weiß es nicht. Es lässt sich nicht die Grundsituation ändern: Herr M. und ich sind hier allein. Und er muss auch arbeiten. Wir haben keine Verwandtschaft in der Nähe und unsere Freunde haben selbst alle kleine Kinder- hier kann ich Lilly nicht einfach mal schnell abstellen. Auch meine Krankheit kann ich nicht wegzaubern. Aber ich muss lernen, mit dieser massiven psychischen Belastung der letzten Monate klar zu kommen und mich zu entspannen. Ich weiß nur noch nicht wie.

Durch das Schreiben geht es mir nun besser, aber ich fühle, dass ich so nicht mehr weitermachen kann. Dieses Wochenende hat mir gezeigt, dass es allerhöchste Zeit ist, nun die Notbremse noch irgendwie zu ziehen und ich hoffe, dass ich nicht schon mitten in einem burn-out bin.



Kommentare:

  1. Liebe Manati,
    In Ansätzen kann ich gut nachempfinden, wie es dir geht. Die Wut und Heulerei, weil man das Geschrei des eigenen Kindes nicht mehr ertragen kann, den Frust und die Schuldgefühle haben mich auch immer mal begleitet. Aber glücklicherweise nur tagesweise. Dass du jetzt gemerkt hast, dass es so nicht weitergehen kann, ist gut. Nimm dir die Zeit und versuch darauf zu vertrauen, dass alles wieder gut wird. Vielleicht wirken diese 2-3 Tage ja auch kleine Wunder.

    Ich bin in Gedanken bei dir und wünsch dir alles Gute!
    Jessi

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  2. Wow, das ist ganz schön hart und tut mir unglaublich leid, zu hören!!!
    Ich würde gern Tipps geben oder helfen, kann ich aber natürlich nicht. Daher wünsche ich dir einfach nur, dass die Dinge bald besser werden und die Situation sich entspannt. Hoffentlich hilft die Zeit bei deiner Schwester, zumindest wieder durchzuatmen und einen klaren Kopf zu bekommen!

    Fühl dich gedrückt,
    Hanna

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  3. Oh meine Liebe, das ist so unglaublich schmerzhaft, Deinen Bericht zu lesen, weil es mich exakt an meinen eigenen Zustand im ersten Babyjahr meines Großen erinnert. Du hast das genauso beschrieben, wie es auch bei mir war. Unterschiede: ich war die ersten 7 Monate nicht allein zuhause, aber irgendwie dennoch allein, da Dauerstillen und nächtliches Aufwachen nur die Mama leisten konnte. Die Flasche hat er leider nicht akzeptiert, d.h. ich kam auch nicht raus aus der Situation (weder nachts noch hätte ich wegfahren können). Mir ging es genau wie Dir, ich habe gebrüllt, ich war aggressiv, ich bin durchgedreht und war völlig verzweifelt. Wir haben auch keine Hilfe in der Nähe und mein Mann war leider, da selbst komplett überfordert, auch nicht so aktiv, meine Eltern öfter um Hilfe zu rufen, was ich nicht konnte. Es war grausam und das möchte man nie nie wieder erleben. Insofern kann ich Dich tausendprozentig verstehen und es tut mir wahnsinnig leid, dass es Dir so ergehen muss. Hoffentlich ist Dein Mann noch psychisch bei der Stange, so dass er Dich auffangen kann. Das war bei uns leider nicht der Fall ;(
    Dieses nonstop Beschäftigen-Müssen war bei uns auch, es hat mich irre gemacht, keine Sekunde konnte man ihn mal sich selbst überlassen. Dabei war er immer sehr agil und unzufrieden, solange er nicht vorwärts kam. Es kann sich keiner, der es nicht erlebt hat, vorstellen, wie einen das mürbe macht.
    Da es bei euch durch die Flaschenfütterung geht, Lilly mal "allein" zu lassen, möchte ich Dir gern zu dem, was ihr jetzt geplant habt, zuraten. Kannst Du Deine Eltern öfter ins Boot holen oder Dich einfach eine Weile bei ihnen einquartieren? Ich glaube, das hätte ich aus der Rückschau gemacht, konnte es aber damals nicht, weil ich dachte, man müsse doch allein damit klarkommen. Eine Atempause ist immer gut.
    Wäre übergangsweise ein Au Pair eine Lösung? Einfach, dass tagsüber jemand da ist, mit dem Du Dich abwechseln kannst? Geld und alles andere sind in solchen Momenten egal, wichtig ist, dass es Dir wieder besser geht. Die Gefahr besteht nämlich immer, dass man sich allein mit dem Kind nicht im Griff hat.
    Ich wünschte, ich könnte Dir helfen, ich weiß genau, wie es Dir geht! Fühl Dich ganz doll virtuell umarmt und ich hoffe, dass durch eure Maßnahmen eine Besserung eintritt.
    Ganz liebe Grüße!

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  4. Was soll ich schreiben außer: gut, dass du die Reißleine gezogen hast. Für mich hört sich das stark nach genau dem an, was ich mit meinem ersten Sohn vor 3 Jahren erlebt habe. Auch ein Maibaby bin ich dann im Oktober zusammengeklappt. Was bei mir geholfen hat: 3 feste Mahlzeiten am Tag, Mittagschlaf, jeden 2. Abend um 21 Uhr ins Bett, 1 Vormittag pro Wochenende für mich allein beim Sport, 1 Abend für mich unter der Woche, 1 Nacht pro Wochenende durchschlafen und die Babysitterin, die damals 1-2x pro Woche für 2 h nachmittags da war bzw abends mal aufgepasst hat, damit der Mann und ich mal was kleines Essen oder auch nur Trinken gehen könnten.
    Und das streng eingehalten.
    Ich bin auch eine Perfektionistin, zu 1000%! Das zweite Kind läuft jetzt übrigens einfacher, auch weil ich genau oben geschriebenes immer noch einhalte! Und weil ich gelernt habe, was mir beim "Überleben des Alltagsdramas" hilft.
    Lass dir helfen, sich für Feste Auszeiten und verzweifle nicht, es wird alles besser. Das erste Jahr empfand ich als das Härteste!!!!
    Und jetzt raus mit dir, du musst Abstand bekommen. Alles Gute!!!!

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  5. Wie schlimm. Es ist 1:1 wie bei mir damals. Haargenau das selbe Spiel. Ich dachte, ich würde durchdrehen. Besser wurde es erst, als der Kleine mit einem halben Jahr durchschlief und ich langsam etwas Energie tanken konnte. Versuch, so oft es geht, aus der Wohnung zu kommen, mit und ohne Kind. Mir taten Spielgruppen gut, um andere Mütter zu treffen und das Leid zu teilen. Manchmal brüllte er auch dort. Egal. Taten andere Babys auch. Es wurde besser. Doch auch nach über 2 Jahren hängt es mir nach. Ich bin nicht die entsoannteste Mutter. Irgendwie ein Trauma. Gut, dass deine Schwester Psychologin ist. Ich werde deswegen vielleicht kein Zweite bekommen. Aber es wird besser. Das verspreche ich dir. Alles Gute, lass dir helfen. LG, Sabine

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  6. Liebe Manati, wie immer wünsche ich dir nur das Beste und dass Du bald gestärkt und glücklich diese schwere Zeit einigermaßen hinter dir lassen kannst! Fühl dich gedrückt und genieße deine kleine Auszeit :-*

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  7. Liebe Manati,
    fühl dich umarmt... Der Abstand ist gut, auch wenns weh tut. Versuch in der Zeit herauszufinden, wie viel du aushalten kannst und sprich darüber mit deinem Mann.
    Vielleicht ist eine Therapie auch eine gute Möglichkeit, um mit den ganzen Erlebnissen in den letzten Monaten umgehen zu können...

    Ich wünsche dir alles Liebe und dass die schlimme Zeit bald vorbei ist. Habe dir so gewünscht, dass es bei dir entspannter wird, als bei mir...

    Liebe Grüße
    Daniela

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  8. So und ähnlich kenne ich das auch.
    Ist allerdings bei mir schon etwas her: das war beim ersten Kind vor 13 Jahren. Inzwischen ist mein viertes Kind fast 2.
    Letzteres Kind war auch wieder ein sehr, sehr anstrengendes Baby und ich habe mir eine Dame von "Wellcome" eingeladen, die mit ihm einmal pro Woche spazieren ging. In der Zeit habe ich mich hingelegt, entspannt, einen Film geguckt oder mir die Nägel lackiert. Es half unendlich, zu wissen, dass man das Baby zu einem festen Zeitpunkt "los wird".
    Dadurch hatte ich etwas mehr Kraft.
    Man ist ja auch selber so gequält und genervt, dass man keine entspannte Gesellschaft ist - das überträgt sich natürlich sofort auf's Kind und dieses ist ebenfalls gereizt und unzufrieden. Sie sind wie Spiegel, die Kinder.
    Und das bleibt auch so, auch wenn sie älter sind und bis in die Pubertät hinein.

    Spielgruppen sind klasse - mal Mütter treffen, denen es auch nicht immer blendend geht.
    Ansprüche herunterschrauben: Das Bild der Mama im Weichnzeichner-Format, die selig lächelnd stillt/spielt/schiebt/trägt ist ohnehin eine Erfindung der Werbeindustrie, die uns das Leben schwer macht -> Diese Mutter gibt es in Wahrheit nicht.

    Raus aus dem Haus oder der Wohnung ist wirklich auch sehr wichtig. Mal mit Kinderwagen oder Trage (je nach eigenem Belieben) und auch alleine. Abends weggehen mit Freunden oder Freundinnen, auch wichtig.
    Man muss nicht dauernd beim Baby sein, auch wenn einem das immer suggeriert wird: Das Baby braucht eine mindestens zufriedene Mama. Eine Frau, der es gut geht und die sich um es kümmern kann. Und dieses ist das höchste Ziel. Dann ergibt sich alles Gute für das Baby quasi alleine.

    Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute - ich habe das, wie gesagt, auch erlebt und siehe: Ich bekam noch drei weitere Kinder. Es bleibt nicht immer so, egal, wie schlimm es sich anfühlt <3

    Ein weiterer Tipp wäre vielleicht das "Begleitete Weinen" - habe darüber mal geschrieben und auch Jana vom Hebammenblog.de kennt sich damit aus.

    Ganz herzliche Grüße

    Lareine
    (vom Familienblog Essential Unfairness)

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