Samstag, 13. Februar 2016

Die Sache mit dem Perfektionismus

Dani von "Glucke und so" hat zu einer Blogparade aufgerufen mit dem Thema Perfektionismus. MEIN Thema. Vielfach habe ich schon an in mehreren Posts etwas dazu geschrieben, heute folgt ein kompletter Beitrag. Bin ich perfektionistisch? Ja. Bin ich perfekt? Genau das Gegenteil. Und was ist eigentlich "perfekt"?

Meine Art der Perfektion
Ich denke, Perfektion ist was höchst individuelles. Fragt 100 Leute nach ihrem "perfekten" Tag- für mich hat es da 35°C und strahlenden Sonnenschein- 95% unserer mitteleuropäischen Bevölkerung sitzen da vermutlich fluchend im abgedunkelten Haus und jammern über die verdammte Hitze.
Meine Perfektion ist selektiv. Und wurde  umso stärker, je älter ich wurde. Habe ich z.B. zu Beginn meines Studiums noch großzügig auf Lücke gelernt, so habe ich für das letzte Staatsexamen "in Perfektion" gelernt. Nicht einfach nur "können", sondern verstehen- selber ableiten können, von vorne und hinten, detailverliebt und mit soviel knowhow zu winzigen -unwichtigen- Kleinigkeiten, dass ich manchen Dozenten überfahren habe. Dieser Zug ist mir bis heute geblieben. Er äußert sich eher im beruflichen. Wenn ich etwas recherchiere, dann nicht 100-, sondern 1000%ig und absolut wasserdicht. Eine schweißtreibende und penible Arbeit- aber hier kann ich nicht aus meiner Haut.

Auch erinnere ich mich an manche Abende mit Freunden, für die ich stunden (tage-??)lang in der Küche stand, 5 Gerichte gekocht habe, detailverliebt selbstgebackene Muffins oder Cakepops verzierte, den Tisch liebevoll dekorierte und die Servietten passend zu den Tellern ausgesucht wurden.
Abgesehen davon, dass solche Abende nun mit der Kleinen sehr rar sind und die Zeit für diese Art des Aufwands zu knapp bemessen, haftet mir auch dieser Zug nach wie vor - wenn auch abgeschwächt- an. Und was soll ich sagen? Dies macht mir Spaß! Wenn ich denn mehr Zeit dazu hätte.

Andererseits gibt es einige Dinge, die mir einfach nicht wichtig sind und wo ich keinerlei Perfektionismus besitze. So z.B. mit dem Aufräumen. Wenn Besuch kommt, räume ich schnell vorher auf. Manchmal auch nicht. Hier besitze ich ein höchst männliches Verhalten: das herumliegende Zeug wird ins Inventar integriert und fällt mir nicht mehr auf. Herrn M. schon. Puh, Rollentausch.

Man könnte es so zusammenfassen: Bei Dingen die mir wichtig sind, strebe ich nach Perfektion. So auch anfangs mit dem Baby.


Kind und Perfektionismus
Für mich eine Kombi, die nicht miteinander vereinbar ist. Und vielleicht gerade deshalb "perfekt" ist.
Kinder halten sich nicht an irgendwelche Pläne oder Regeln oder Normen. Ist klar, nee? Aber zwischen wissen und begreifen war bei mir trotzdem ein himmelweiter Unterschied.

Ich denke, dass mein Hang zum Perfektionismus auch zu einem guten Teil zu meinem Zusammenbruch beigetragen hat. Das Leben ist eben kein Werbespot einer glückserfüllten TV-Familie.
Unser Start? Sehr schwierig und alles andere als "perfekt". Das Kind schreit unberuhigbar? Ich versuche alles, nichts funktioniert. Das Baby will nicht essen? Egal was ich mache, es geht einfach nicht. Meine Welt wird erschüttert, ich bin...hilflos. Machtlos. Gänzlich unperfekt. Ich bin am Umlernen. Zumindest hier. Es geht nicht um "perfekt", sondern um "zufrieden" und "so gut wie möglich- für Lilly, für mich, für uns als Familie". Das Leben mit Kind ist nichts steriles, sondern ein zusammen-leben, voneinander lernen, eine ENTwicklung, auch der Eltern. Mit guten und schlechten Tagen.

Meine Assoziationen zum Perfektionismus
Irgendwie verknüpfe ich "perfekt" auch immer mit "glücklich". Bleiben wir bei unserer Sonnenschein-Familie mit perfektem Kind im perfekten Haus und alles ist Friede-Freude-Eierkuchen. Die Mama ist stets wie aus dem Ei gepellt, hat dauerhaft gute Laune, wird nie laut, schimpft nie und erledigt den Haushalt ganz easy neben der Erziehung der Kinder und dem obligatorischem Beruf. Nebenzu führt sie noch eine ausgefüllte Partnerschaft, lebt dort im Harmoniehimmel und findet zwischenzeitlich noch Zeit für sich, um im Fitnessstudio ihren Luxusbody zu stählen und sich ein Spa-Treatment zu gönnen. Geld ist natürlich auch genug da und einmal im Jahr geht es in den perfekten All-inklusive-Urlaub um in einer perfekten Umgebung neue Kraft zu tanken (nicht, dass das nötig wäre).

So, und nun Landung in der Realität und jeder, der selbst ein Kind hat (oder auch nicht) weiß, wie diese aussieht. Perfektionismus ist für mich auch zum Teil etwas Fiktives...deshalb ist es ja oft auch "nur" das Streben danach. Und die Annahme, dass perfekt=glücklich bedeutet, ist genauso surreal.
Zudem haftet dem ganzen etwas Steriles, Oberflächliches an. Die Spontanität geht verloren, irgendwie setzt das Streben nach Perfektion auch eine gewisse Planbarkeit voraus, geht mit dem Versuch, stets die Kontrolle zu behalten einher.

Dies mag im Job oftmals nützlich sein, denn wenn jemand perfektionistisch arbeitet, dann bedeutet das zeitgleich, dass ich mich auf ihn bzw. seine Arbeit verlassen kann. Im Privaten setze ich es eher mit akribisch, verbissen oder pedantisch gleich. Und was "perfekt" für die Schönheits"industrie" bedeutet- dazu könnte man ganze Bücher füllen.

Für mich ist Perfektionismus etwas sehr ambivalentes. Einerseits verspricht es Glück, Zufriedenheit, ist verheißend, andererseits wird dieses Versprechen nicht eingehalten.  Im Gegenteil, durch Erwartung des "Perfekten" wird man oftmals zwangsläufig enttäuscht. Hach, ich hätte Philosophin werden sollen (nicht!).

Ich jedenfalls stehe mir mit meinem Perfektionismus oftmals selbst im Wege- der Anspruch ist so hoch, dass ich ihn gar nicht erreichen kann.  Das motiviert zum Teil, v.a. frustriert es aber irgendwann.
Ich werde ihn vermutlich nie komplett ablegen, aber ich arbeite daran und selektiere. Wenn ich etwas recherchieren muss, werde ich dies immer sauber und ordentlich und, ja, "perfektionistisch" machen. Wenn aber Besuch kommt, hole ich den Kuchen vom Bäcker und bin entspannter, als nach 2 Stunden Backmarathon. Und notfalls gibts Pizza vom Lieferservice.

Die "perfektesten" Momente sind doch oftmals die nicht-inszenierten, ungeplanten und spontanen. Man muss sie nur zulassen.

Kommentare:

  1. du sprichst mir aus der Seele!
    Auch ich war eine Perfektionistin - bis die große Prinzessin hier eingezogen ist: Stillen? klappt nicht! Schlafen? Luxus! Aufräumen? was ist das?!

    Mittlerweile - mit zwei Kindern - bin ich wesentlich entspannter. Sauber ist das, was wir dafür halten. Stillen muss nicht sein, wenn's nicht klappt (auch, wenn's schön gewesen wäre). Wir schlafen im Familienbett (bzw zwei Familienbetten) und bekommen so halbwegs genug Schlaf.

    Im Job, ich habe zwischen den beiden Kindern weiter gearbeitet, war ich weiterhin perfektionistisch. Das hat gut getan, war aber zeitlich beschränkt auf den Vormittag :)

    Dein Schlußsatz gefällt mir besonders gut! "Die "perfektesten" Momente sind doch oftmals die nicht-inszenierten, ungeplanten und spontanen. Man muss sie nur zulassen." Du hast so recht!

    alles Liebe!

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  2. meine Liebe Manati,
    vielen Dank für deinen tollen Beitrag, dem ich voll und ganz zustimmen kann.
    Liebste Grüße
    Dani

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  3. Hallo,...

    jeder definiert Perfektionismus für sich anders, ich hätte auch am liebsten, so wie Du, 35 Grad und Sonne und schon wäre mein Tag und alles andere auch perfekt, aber ganz so einfach ist es nicht.

    Daher denke ich auch, dass die spontanen Momente, in denen dann auch alles gelingt, die perfekten Momente sein können. Manchmal darf man nicht alles so eng sehen und man muss sich auch mal frei machen können, vom druck, der künstlich aufgebaut wird.

    LG Katja

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