Donnerstag, 25. Februar 2016

Von Wutkrümeln und Erziehungsfragen

Vor nicht allzu langer Zeit dachte ich, dass Liebe und Verständnis das wichtigste sind zum Erziehen von Kindern, dazu eine gute Portion "Bauchgefühl" und dann wird das schon. Da kannte ich meine Tochter noch nicht. Lilly ist nun 10 Monate und bringt mich regelmäßig an meine Grenzen. Was sich schon vor langer Zeit begonnen hat abzuzeichnen, wird nun immer deutlicher: Lilly ist ein Wüterich. Sie kriegt heftige Wutanfälle, wenn ihr etwas nicht passt (z. B. Anziehen, Wickeln) oder wenn sie etwas nicht schafft oder darf. Wo ich letzteres noch relativ einfach vermeiden kann, indem ich "verbotene" oder gefährliche Sachen vorab außer Reichweite schaffe, ist ersteres unvermeidbar. Sie muss angezogen werden. Zum Beispiel.

 Wut beim Baby

Also agiere ich je nach Situation durch Ablenken (klappt nicht immer), durch Motivieren und Anfeuern (klappt manchmal), durch Helfen (ohoh, ein no-go! Madame will es alleine machen), durch Trösten und Verständnis oder durch Rausnehmen aus der Situation. Seit neuestem durch Spiegeln. Und bin verzweifelt auf der Suche nach dem "richtigen" Umgang damit.
Wo mein Bauchgefühl schon längst ein tiefes Loch hinterlassen hat und mein Kopf noch leise flüstert "sie *kann* noch nicht anders reagieren, sie *will* was (nicht) und *muss* sich irgendwie äußern", da ist meine persönliche Emotion irgendwann einfach nur noch "WAHHHHH!!!!Wieso muss alles vom Wickeln bis zum Schlafen so ein Drama sein???" Ich will mitschreien! Mach ich aber nicht. Zumindest nur ganz selten.
Vielmehr übe ich mich in zenmäßiger Meditation, atme ca. 80 Mal tief durch und lasse meinen Kopf zu Wort kommen "sie *kann* es nicht regulieren". Abends trinke ich ein Glas Wein zur Entspannung. Manchmal auch zwei.
Aber damit nun kein falscher Eindruck entsteht: Lilly kann das liebste und brävste Kind überhaupt sein...nur ist die kleine Lady recht temperamentvoll und so kommt es zu vielen, vielen Wutanfällen täglich wenn etwas nicht so funktioniert, wie sie es gerne hätte.


"Richtig" erziehen

Ich gestehe, ich habe auch etwas Angst vor der Zukunft, denn Lilly ist scheinbar das Paradebeispiel eines zukünftigen Trotzkopfes- ich will nicht an die Autonomiephase denken (und glaube manchmal, dass wir jetzt schin mittendrin stecken!). Nun reicht mein "Bauchgefühl" gepaart mit viel Liebe nicht mehr aus als Wegweiser für eine Erziehung und ich handle, wie ich es immer mache: ich recherchiere und besorge mir Literatur. Viel Literatur. Ich bin ein großer Fan von "Kinder verstehen"-Büchern und da gibt es ja so einige.

Entgegen eines mom. wohl sehr beliebten Erziehungsstils bin ich aber durchaus der Meinung, dass Kinder auch Grenzen brauchen. Nicht zu viele, um sie nicht einzuengen und zu hemmen, aber schon eben wichtige, um ihnen auch Halt zu geben. Ich lese also mit Begeisterung und verhalte mich wie zu Studienzeiten: Leuchtmarker werden gezückt, Notizen gemacht, es wird verglichen und Quellen hinterfragt, ich ergötze mich an schön klingender Theorie: "Seien sie stets authentisch. Verhalten Sie sich liebevoll, aber konsequent. Setzen Sie Grenzen, seien Sie aber empathisch." Ja, klingt toll, aber wie soll das bitte in der Realität gehen? Und die Lösung für mein akutes Problem habe ich natürlich auch nicht gefunden.

Abends diskutiere ich mit Herrn M. über Erziehung. Er vertritt meine "alte" Meinung: "Liebe und Intuition sind das Wichtigste." Ich kontere. "Ja, aber..." Kindererziehung ist Verantwortung. Es ist meine Pflicht, mich hierüber zu informieren. Man kann so viel falsch machen. Man kann das Kind zu sehr einengen, seinen Willen brechen oder es zum kompletten Egoisten erziehen. Man muss die Balance finden. Gut gemeint ist nicht immer gut fürs Kind. Man muss das Kind verstehen und die Gehirnentwicklung kennen, um hinter sein Verhalten zu blicken und entsprechend reagieren zu können. Blablabla.

Herr M. wird leicht grün und kriegt Schweißtröpfchen auf der Stirn. Er versteht meine Ansicht zum Teil, aber hat Angst, dass unser Kind zum Wissenschaftsobjekt verkommt. Nicht zu unrecht, muss ich zugeben. Er macht sich Sorgen, dass ich da wieder zu streng mit mir selbst bin und in meinen Perfektionismuswahn verzweifle, wenn etwas nicht so klappt, wie in den vielen diversen Ratgebern. Auch hier hat er recht. Und er traut sich dann gar nicht mehr, unser Kind mitzuerziehen, weil ich sage "so und so muss es gemacht werden" und ich dann ja sehr pingelig bin, wenn es nicht so gemacht wird und er "falsch" reagiert. Schluck. Ich muss zugeben, das stimmt.


Erziehungsziele

In einem Punkt sind wir uns aber einig: wir wollen beide, dass Lilly zu einem selbstbewussten, glücklichen und mitfühlendem Menschen heranwächst, der in seiner Kindheit- wie man so schön sagt- Wurzeln und Flügeln erhält, sich geborgen und akzeptiert fühlt.

Und klar, man muss die Kirche natürlich auch im Dorf lassen. Ich gehe nicht davon aus, dass man als liebende Eltern einen kompletten Psychopathen erzieht. Und auch nicht, dass das Kind durch eine evtl. "falsche" Reaktion einen dauerhaften Schaden davon trägt.
Vielmehr meinte ich mit "falsch machen", dass es so viele unbewusste Äußerungen gibt, die man fallen lässt, wenn man sich nicht mehr zu helfen weiß und bei denen man gar nicht merkt, was man dem Kleinen damit "antun" kann. Als Beispiel meine ich so Sachen wie "wenn du das nicht machst, ist die Mama traurig". Wah. Was impliziert das denn beim Kind? Eben, eine wahnsinnige Last, dass es für das Glück der Mutter verwantwortlich ist. Oder "mach dieses und jenes, sonst gehe ich ohne dich weg". Ein Klassiker, bei dem mit den Urängsten des Kindes gespielt wird.
Ich denke auch hier, dass eine einmalige Äußerung dem Kind nicht schadet. Hoffe ich zumindest. Aber wenn das zur Erziehungsmethode wird...und dann merkt man diese unbedachten Aussprüche nicht einmal mehr!

Um explizit bei Lilly zu bleiben: ihr starker Wille ist eine durchaus positive Eigenschaft. Aber schwierig für die Eltern. Schließlich soll sie doch irgendwie auch folgen und uns nicht auf der Nase herumtanzen. Aber andererseits soll sie sich ihr Durchsetzungsvermögen natürlich auch beibehalten. Und ich finde es durchaus schwierig, hiermit "richtig" umzugehen, schließlich will ich weder einen egoistischen Tyrannen heranziehen, noch ein kuschendes Kind, das sich nicht mehr traut, seine Meinung zu sagen. Und wie gesagt, die Autonomiephase würde ich auch gerne überleben, ohne dass ich mir danach neue Nerven implantieren lassen muss...


Erziehen ist Arbeit an sich selbst

Was unsere Diskussion betrifft: ich denke, wir haben beide recht. Ich bin sehr extrem, wenn ich etwas (erreichen) möchte und Herrn Ms Bedenken sind leider nicht unbegründet. Auch wenn ich rational natürlich weiß, dass nie alles perfekt laufen wird -auch mit den besten Tipps nicht (deren Umsetzung ohnehin nochmal auf einem ganz anderen Blatt steht)- und ich sicherlich auch jede Menge Fehler machen werde. Trotzdem habe ich da auch Angst davor.
Hier ist ein Punkt, wo ich definitiv an mir selber arbeiten muss. Gelassenheit, Akzeptieren von Rückschlägen, Relativieren zu hoher Erwartungen...

Und trotzdem meine ich mit "Arbeit an sich selbst" noch mehr als das. Kinder lernen ja primär durch Abschauen, vom Umgang miteinander, dem Umgang in der Familie. Wie soll man jemanden respektvolles Verhalten beibringen, wenn man es untereinander nicht selbst lebt? Natürlich kann und soll man sich da nicht ändern, aber sein eigenes Verhalten zu reflektieren erachte ich als durchaus wichtig.

Ebenso wie die Reflexion der eigenen Gefühle und die des Kindes. Ich denke, es ist normal, wenn man wütend wird, gereizt ist, man irgendwann nur noch schreien möchte. Und das manchmal auch macht. Aber ich glaube auch dass es wichtig ist, seine eigenen Emotionen irgendwie zu kontrollieren (klar, klappt nicht immer!), sich vorzustellen, was beim Kind ankommt wenn man jetzt einfach nur noch losbrüllt und auch anders: wieso reagiert das Kleine so, wie es eben reagiert? Kann es nicht anders, weil es es noch nicht besser weiß? Fühlt es sich durch die eigene Reaktion bedrängt und trotzt deshalb? Fühlt es sich nicht ernst genommen?
Als einfaches Beispiel: wie fühlt man sich denn, wenn man wegen irgendwas gerade furchtbar wütend oder enttäuscht ist, man erzählt dann seinem Partner davon und dieser tut es lapidar mit einem "ach, stell dich doch nicht so an" oder "ach, das ist doch alles nicht schlimm" ab. Wie reagiert man selbst? Fühlt man sich dann getröstet? Verstanden? 
Ich persönlich werde noch wütender, denn was ich möchte ist Mitgefühl. Empathie. Und wenn ich mich verstanden fühle, dann bin ich auch wieder offen, eine zweite Meinung zu akzeptieren oder dass mir eben auch der Kopf gewaschen wird. 
Diese Ursachenforschung hilft, sich selbst und auch sein Kind zu verstehen- aber es ist Arbeit, primär eben an sich selber.


Und wie mache ichs nun richtig?

Für meine "akute" Situation habe ich immer noch keine Lösung. Und ich fürchte, die wird es auch nicht geben, weder für das jetzige "Problem", noch später. Weil es keine Patentrezepte gibt und wie hat Herr M. gestern so treffend bemerkt: "Man muss doch akut reagieren. Ich kann nicht jedes Mal erst einen Ratgeber lesen, bevor ich irgendetwas sage oder mache". Stimmt. 

Ich lese trotzdem, einfach weil es mich interessiert, gerade die psychologischen Hintergründe. Aber ich sehe ganz klar die Gefahr, dass einen die zahlreichen Tipps noch viel mehr unter Druck setzen. Denn wie schon erwähnt: was in der Theorie so einfach und plausibel klingt, ist nicht unbedingt praxiskompatibel. Dazu habe ich gestern auch passenderweie einen wirklich treffenden und herrlich geschriebenen Post erspäht. 
Außerdem wird das eigene Bauchgefühl noch viel mehr unterdrückt, denn in Situation x sollte ich eigentlich so und so reagieren. Hab ich aber nicht. Und nun? Bin ich jetzt eine schlechte Mutter? Habe ich meinem Kind geschadet? Es frustriert einen noch viel mehr. Wie Herr M. prophezeit hat.

Und ich weiß nicht, ob es Zufall ist, aber gerade gestern, als ich den ganzen Tag über genau dieses Thema nachgedacht habe, abends mit Herrn M. diskutiert habe und angesichts der Suche nach dem "richtigen" Weg einigermaßen frustriert war, liege ich irgendwann im Bett und schaue noch auf Twitter vorbei. Dabei habe ich diesen genialen Artikel von Frida Mercury entdeckt. Und mich akut um Welten besser gefühlt.

Kommentare:

  1. Oh liebe Manati,
    da sind wir uns scheinbar sehr ähnlich. Ich bin auch etwas perfektionistisch veranlagt, wälze Erziehungsratgeber und nerve meinen Mann mit Tipps.
    Unser Wölkchen scheint auch ein kleiner Wutzwerg zu werden, zumindest mehr als die Große. Sag mir also Bescheid, wenn Du die perfekte Erziehungsmethode gefunden hast :-P
    LG Wiebke

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  2. Liebe Manati, ich lese hier schon lange mit und kann alles was dich beschäftigt sehr gut verstehen. Auch ich habe an mich immer den Anspruch, eine perfekte Mutter zu sein und "alles richtig zu machen". Ich war schon immer sehr perfektionistisch veranlagt und dass ich Grundschullehrerin bin, trägt bestimmt auch zu diesem Mutterbild bei. Beruflich bekomme ich ja immer mit, "was alles so schieflaufen kann". Inzwischen bin ich zum zweiten Mal Mutter (mein Sohn ist ebenfalls zehn Monate alt) und schaffe es, so langsam etwas gelassener zu werden (was auch immer tagesformabhängig ist)Es ist einfach so, dass wir nicht perfekt sein können und alles richtig machen. Ich denke, es ist einfach wichtig, dass der grobe Rahmen stimmt....Wie oft hatte und habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich meine Tochter (inzwischen 3 Jahre) vor den Fernseher setzte bzw setze, einfach um auch mal ein bisschen Zeit für mich oder den Haushalt zu haben. Inzwischen bin ich aber überzeugt, dass das auch mal in Ordnung ist und ihr auch nicht geschadet hat. Genau wie du, bin ich auch immer auf der Suche nach guten Erziehungsratgebern und habe auch schon einige gelesen. Wirklich weiter geholfen haben mir die Bücher "Kinder verstehen" von Herbert Renz-Polster und "Das Familienhaus" von Jesper Juul. Vielleicht kennst du sie ja auch schon, oder möchtest mal reinschauen. liebe Grüße Monika

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  3. Hey Manti,
    ich kenne diese Wutanfälle auch. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Das liebe, 13 Monate alte Baby krabbelt zum (zugegebenermaßen noch nicht weg gepackten) Staubsauger, zieht das Kabel heraus und krabbelt zur nächsten (natürlich gesicherten) Steckdose. Es packt das Kabel ein wenig entfernt vom Stecker und hält es hoch und an die Wand, sodass der Stecker die Steckdose berührt. Eigentlich clever. Aber ich denke mir, vielleicht trifft das dumme Baby ja in einem anderen Haushalt mal auf eine ungesicherte Steckdose. Also nicht gut. Stecker und Kabel sind also verboten. Und Steckdosen sowieso, obwohl wir alle gesichert haben. Also aufstehen, dem Baby das Kabel aus der Hand nehmen un erklären (versteht das ein Baby). Und BÄMMM.

    Das liebe Baby verwandelt sich in ein wütendes Monster.

    Das passiert bei so ziemlich allen Verboten, die durchgesetzt werden. Du bist nicht allein ;-) Trotzdem ist es richtig. Im späteren Leben wird der Heranwachsende auch nicht machen können was er will. Und wer dann nicht gelernt hat, mit seinen Emotionen umzugehen, bekommt Probleme mit seiner Umwelt. Denke ich mir.

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