Montag, 16. Mai 2016

Frühkindliche Eßstörungen...wenn das Kind nichts isst

Wieder einmal war es sehr lange ruhig auf dem Blog. Leider aus einem unschönen Grund: Lilly isst nichts mehr. Seit mittlerweile 6 Wochen. Wie ich schon öfters berichtet habe, war ihr Eßverhalten von Anfang an schwierig, Flasche ging ab dem 5. Monat nur noch unterm Spielebogen oder im Bett, immer wieder hat sie tagelang nichts oder kaum getrunken,  die Beikosteinführung hat Monate gedauert und war irgendwann dahingehend zufriedenstellend, dass sie 3x täglich 50-100g Brei und etwas Fingerfood gegessen hat und dazwischen noch 2 Flaschen bekam. Wir waren glücklich.
Doch dann wollte sie plötzlich kein Frühstück mehr, dann mittags nichts, zu guter Letzt auch abends. Schließlich wurde auch die Milch tagsüber verweigert.
Wir haben andere Dinge ausprobiert, andere Eßsituationen geschaffen, mit dem Essen gespielt-nichts. Der Löffel wird meist ohne zu probieren abgeblockt, fingerfood geht kaum bis gar nicht. Sie isst manchmal 1 oder 2 Nudeln, ein kleines Würfelchen Kartoffel. Vielleicht mal einen oder zwei Schlucke Quetschi. Das wars. Auf den ganzen Tag.
Mittlerweile trinkt sie nachts wieder Milch. Sie hat ja noch nie (bis auf 3 oder 4 Mal) durchgeschlafen und wir haben über Wochen die nächtliche Milch mit der Wasserverdünnungsmethode ausgeschlichen. Dann hat sie noch 2-3 Mal nachts etwas Wasser getrunken. Als sie schon 4 Tage nichts mehr gegessen hat und auch nachts nur Wasser zu sich nahm, haben wir ihr wieder Milchpulver untergerührt, damit sie wenigstens dann einige kcal bekommt.

Der Arztbesuch
Wir waren beim Arzt, schilderten ihr Eßverhalten. Er knallte uns irgndwann eine Diagnose um die Ohren: infantile Anorexie. Wir sollen uns stationär in die Kinderpsychiatrie einweisen lassen. Perplex fragte ich, was denn da gemacht wird. Lapidar meinte er, dass das Kind dort nachts ausgehungert wird: "Dann schreit sie halt 3 oder 4 Nächte und irgendwann isst sie dann schon".
Abgesehen davon, dass Lilly eben nicht isst, auch wenn es nachts nur Wasser gibt, lasse ich mein Kind ganz sicher nicht nachts schreien. Noch dazu in einer fremden Umgebung und OHNE MAMA! (Und im Übrigen, bei einer infantilen Anorexie würde diese "Methode" ohnehin nichts nutzen, da das Hungergefühl nicht [genügend] ausgeprägt ist).
Er gab uns noch "Verhaltensregeln" mit, wir sollen ihr nur 3x täglich zu festen Zeiten etwas anbieten, und sobald sie beginnt mit dem Essen zu spielen, soll sie mittels der time-out-Methode (Kind muss für bestimmte Zeit alleine in ein Zimmer) bestraft werden. Gehts noch? Lilly ist 1 Jahr!
Als der Arzt weitererzählte, dass Herr Ferber ohnehin missverstanden wurde, waren bei mir bereits alle Sicherungen durchgebrannt. Wäre ich nicht so schockiert gewesen, ich wäre ihm ins Gesicht gesprungen.

Verleumdung und Verzweiflung
Daheim angekommen sind wir erstmal stinksauer auf den Arzt bzw. seine Art und Weise der Diagnosestellung und Therapieansichten. Klar, Lillys Eßverhalten ist nicht "normal", aber infantile Anorexie? Sie ist doch nicht krank! Trotzdem, erste Zweifel sind gesäht und ich recherchiere im Netz. Und was ich anfangs abgeblockt habe, scheint sich doch zu bestätigen. Berichte von Betroffenen klingen wie unsere Essenssituationen. 
Und die Ursachen? Auch hier trifft wirklich alles zu. Zum einen sind wohl häufig Kinder betroffen, die sehr lebhaft und neugierig sind (=leicht ablenkbar vom und keine Zeit zum Essen; essen ist zu langweilig) und die andererseits einen sehr starken Willen haben (-->wollen alleine essen, und das genau zu dem Zeitpunkt, wenn *sie* wollen). Und wie schon oben erwähnt, scheint das Hunger- bzw. Sättigungsgefühl nicht (ausreichend) zu funktionieren. Dies kann von frühkindlichen Erfahrungen herrühren, z.B. durch Zwangsfütterung oder einer Magensonde. Tja, und ich erinnere mich ja nur allzu lebhaft an die Zeit, als ich in der Neo teilweise 5 oder 10 ml auf eine halbe Stunde sondieren musste, damit nicht alles sofort wieder hoch kommt. Weitere Risikofaktoren: Frühgeburten generell, frühe Trennung von der Mutter, Belastungsstörungen oder Depressionen der Mama, die zu einer gestörten Interaktion mit dem Kind führen (ich hoffe, dass dies bei uns nicht der Fall ist, aber dass ich ein Trauma davon getragen haben, das mich ja letztendlich zu einem Nervenzusammenbruch und in Therapie geführt hat, kann ich nicht abstreiten).

Die Aussichten
 Die Chancen auf "Heilung" sind wohl nicht allzu rosig. Viele Betroffene machen wochen- oder monatelange Therapien in Kliniken, die sich auf frühkindliche Eßstörungen spezialisiert haben. Trotzdem meist mit nur mäßigem Erfolg. Laut einer (angeblichen?*) Aussage eines Klinikleiters, müsse man lernen, damit zu leben und schauen, dass das Kind irgendwie ein bisschen hochkalorische Nahrung zu sich nimmt; sollten Gedeihstörungen eintreten, muss ggf. eine Magensonde gelegt werden. Manchmal verwachse es sich in der Pubertät durch den dann stattfindeten Hormonschub.
Ich bin total verzweifelt und weine viel, aber mir wird klar, dass wir irgendwie Hilfe brauchen. Und zwar nicht im Sinne einer Zwangskondtionierung aufs Essen, was höchstwahrscheinlich sowieso sinnlos wäre, ganz sicher aber dazu führt, dass Lilly jegliche Lust am Essen verlieren würde und dann definitv eine (weitere) Eßstörung entwickelt.
Bei der weiteren Recherche stoße ich auf ein sozialpädiatrisches Zentrum in unserer Nähe, die u.a. solche Eßstörungen ambulant behandeln. Innerhalb von 4 Tagen bekommen wir dort einen Vorstellungstermin.

Im SPZ
Dort treffen wir auf ein Team von Kinderpsychologin, Logopädin und Ärztin. Alle sind sehr nett und verständnisvoll und beruhigen uns erstmal dahingehend, dass Lilly super entwickelt und motorisch topfit ist. Sie werten es als positv, dass sie immerhin manchmal einen Bissen Kartoffel oder eine Nudel isst- und auch, dass sie wenigstens nachts Milch trinkt. Ebenso bestätigen sie unsere Einschätzung, dass Lilly sehr lebhaft, aktiv und willensstark ist.
Wir werden nun dort eine ambulante Therapie beginnen. Jetzt sollen wir so weiter machen, dass wir ihr eben nachts alle 2-3 Stunden ihre Flasche geben (also alles beim alten) und auch tagsüber den spielerischen Umgang mit dem Essen beibehalten. Die Ärztin sagt, dass es ein sehr langer und harter Weg wird, auf dem wir viel Geduld brauchen- aber es klang nicht ganz aussichtslos.
Wie die Therapie genau aussieht, weiß ich noch nicht. Doch sind wir nun wesentlich beruhigter und ich bin sehr froh, dass wir nicht stationär müssen- und auch, dass das SPZ unsere Ansichten über die furchtbaren Konditionierungsmethoden des Kinderarztes bzw. der Psychiatrie teilt. Ich hoffe so sehr, dass uns dort geholfen wird.
Den Kinderarzt werden wir nun auch wechseln.
 

*angeblich, da ich dieses Zitat aus dem Erfahrungsbericht einer Betroffenen habe

Kommentare:

  1. Ich wünsche euch viel Kraft! Ich kann es immer noch nicht fassen was der Arzt von sich gegeben hat... Unfassbar *kopfschüttel*

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  2. Da fehlen mir einfach die Worte...
    Ich wünsche euch, dass ihr es gemeinsam als starke Familie schafft diese schwierigen Zeiten zu überstehen.
    Ich wünsche euch viele kleine Glücksmomente, die euch stärken.

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  3. Vielleicht ist es ein kleiner Trost, dass ich als Kind auch sehr sehr schlecht gegessen habe?
    Teilweise zwei Spaghetti zu Mittag. Ich wurde daher 15 Monate fast ausschließlich gestillt. Als Kleinkind hätte ich Werbung für Brot für die Welt machen können (-;
    Heute bin ich immer noch leicht, esse aber mit viel Genuß, habe einen Hochschulabschluss und bald drei Kinder.
    Euer Töchterchen ist noch so klein, manche brauchen halt mehr Zeit.

    Viel Ruhe und Gelassenheit wünscht
    Britta

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  4. Hallo Manati, vielleicht hast du ja mal lust Kontakt aufzunehmen. Meine Tochter 10 Monate leidet auch unter infantiler Anorexie. Ich bin verzweifelt und würde mich so freuen mit jemandem zu sprechen dem es genauso geht. LG

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    1. Hallo! Wenn du magst schick mir gerne eine Mail (Angabe in Impressum). Wir sind gerade im Urlaub mit nur sporadisch Internet!
      GLG

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  5. Hallo manati, mein2 jähriger Sohn hat auch eine fütterungsstörung und ist viel zu leicht und zu klein. In welchem Spot wart ihr? Kbo München? Ich bin total verzweifelt und suche einen ambulanten weg da ich eine schulpflichtige Tochter habe,... wie läuft es bei euch? Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen,LG christina

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  6. Hallo Christina,
    bei uns ist es momentan tendenziell etwas besser. Lilly isst zwar generell im Vergleich zu anderen Kindern sehr wenig, aber sie ist zum Glück trotzdem gut entwickelt.
    Tagsüber kriegt man kaum etwas in sie rein, aber immerhin nimmt sie mittlerweile über den Tag verteilt meist 2 Quetschies zu sich und abends dann eine normale Mahlzeit (in kleinerer Menge). Sie hat nun auch einige Lieblingsspeisen, die meist gehen (Pizza, Hühnercurry,..).
    Ich kann dich gut verstehen, es ist nervenaufreibend und zum verzweifeln. Hat dein Sohn schon immer Probleme mit dem Essen oder erst seit kurzem? Habt ihr eine ärztliche Diagnose?
    Wenn du magst, kannst du mir gerne auch per Mail schreiben (Adresse im Impressum) oder mir deine Mail-Adresse zum Austauschen schicken.
    LG und schon mal alles Liebe für Euch,
    MAnati

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